Rooftops – das Flachdach als Lebensart und Lebensort






Dächer haben in erster Linie eine bauliche Funktion: Sie sollen das Haus vor der Witterung schützen. Auch wenn mitunter durch verschiedene Formen oder Ziegelauswahl durchaus ästhetische Elemente hinzukommen können, in die individuelle Vorlieben des Bauherrn und regionale Gepflogenheiten einfließen, waren sie bis zum Ende der 1990er Jahre selten über diese Bestimmung hinaus gekommen. Besonders unbeliebt und unbeachtet waren hierbei die Flachdächer von Wolkenkratzern, denen zu Recht eine nicht gerade attraktive Zweckmäßigkeit nachgesagt werden durfte. Doch dies sollte sich ändern.


New Yorker Lifestyle als Vorreiter

Wie in so vielen Dingen, die mittlerweile unseren Alltag wie selbstverständlich prägen, machte New York den Anfang, und dies hatte gleich zwei sehr unterschiedliche, ja aus gesellschaftlicher Sicht gegensätzliche Gründe. Zum einen ergab sich aus dem Bestreben vermögender Immobilienkunden, immer originellere und exklusivere Wohnungen zu finden, die die eigene soziale Stellung angemessen in Szene setzten und eine Absetzung von anderen finanzkräftigen Gleichgesinnten demonstrativ zur Schau stellten, ein wachsendes Interesse am „Haus auf dem Haus“, dem Penthouse also, das das Flachdach plötzlich zu einer Terrasse der Luxusklasse werden ließ. Parallel zu dieser erfolgsbedingten steigenden Nachfrage bot es am anderen Ende der sozialen Skala in den immer heißer und schwüler werdenden New Yorker Sommern als, wenn nicht kühler, so zumindest umwehter Fluchtort eine dankbare Alternative zur Feuertreppe. Auch als Ausweichmöglichkeit für die in den mehrheitlich winzigen New Yorker Appartments kaum zu bewältigenden größeren Veranstaltungen wurden sie immer beliebter: WG-Partys, Geburtstage, Hochzeitsanträge fanden immer häufiger auf dem Dach statt, das zur Erweiterung des Wohnraums mit zunehmender Selbstverständlichkeit genutzt wurde. Nicht zuletzt beruflich wurden die Rooftops entdeckt: Firmenjubiläen, Weihnachtsfeiern und wichtige Meilensteine wurden dort begangen, und mit der sich stärker durchsetzenden Option des mobilen Arbeitens entwickelten sie sich zudem zu einer Art Nebenbüro und ersparten somit manchen Umzug in größere Räumlichkeiten.

Nicht zuletzt boten sie auch die Gelegenheit, in einer im Grunde viel zu kleinen großen Stadt das einzurichten, was allenthalben fehlte: private Ziergärten. Die Dächer Manhattans erblühten zusehends. Und wie es von New York und den Vereinigten Staaten anders nicht zu erwarten war, gingen die vielen hier geborenen Ideen als Inspiration in die Welt.



Wie der Klimawandel den Rooftops neue(s) Leben verlieh In Europa und Asien insbesondere rückten die Flachdächer in den letzten zwanzig Jahren verstärkt ins Blickfeld der Architekten. Auf der Suche nach neuen Wegen, energiesparend und ressourcenschonend klimaneutrale Häuser zu erschaffen, wurde systematischer über jene große Fläche nachgedacht, die auf der einen Seite bis auf wenige Schornsteine und andere technische Anlagen so gut wie ungenutzt blieb, andererseits aber aufwändig gedämmt werden musste. Aus dieser Diskrepanz entstanden viele Lösungen, die mehrheitlich auf dem Prinzip der „intelligenten Begrünung“ beruhten: Gezielt ausgesuchte Pflanzen können sich wärme- und feuchtigkeitsregulierend auswirken, Regenwasser filtern, das für Toiletten und Heizungsanlagen verwendet werden kann, und so die Energie- und Ressourcenkosten von Fabriken und Büros senken. Aus den Ziergärten nach amerikanischem Vorbild wurden nun immer häufiger, vornehmlich in Deutschland, sogenannte Systemgärten, die von Gebäudebetreibern als Teil der Haustechnik und von Mitarbeitern als Hilfsarbeitsplatz im Grünen gleichermaßen geschätzt wurden. Doch diese Entwicklung, die bis in Japan Anhänger und Nachahmer fand, sollte noch weitergehen.



Die neue Lebensart – von Bienen und Gemüse

Wieder einmal in New York sprühten jene ersten Funken, die bald die ganze Welt erreichen sollten. Das steigende Bewusstsein für ein naturnäheres Leben, der Wunsch nach gesünderer und regionaler Ernährung, die Sehnsucht nach dem authentischen Geschmack echter Lebensmittel ließ in der ganzen Stadt in den kleinsten freien Parzellen unter dem Motto „Urban Gardening“ kleine Gemüsegärten entstehen. Aufgegebene Grundstücke, ehemalige Zugstrecken wie die nunmehr als High Line bekannte und durch ihre Parks berühmt gewordene Trasse wurde von begeisterten Hobby-Gärtnern regelrecht geentert und einem sinnvollen Zweck zugeführt. Schulinitiativen, nicht zuletzt unter der Schirmherrschaft von Michelle Obama, taten im ganzen Land ihr Übriges. Doch der Platz war gerade in den überfüllten Großstädten nicht unendlich. Bald wurden also die Rooftops erorbert. Bienenstöcke, ausgesuchte Obstbäume und Gemüsesorten, die dem starken Wind in großer Höhe trotzen können, besetzten nun die Flachdächer, und es bildeten sich gut organisierte Nachbargemeinschaften allen Alters, die mit beeindruckendem Engagement Anbau und Ernten betreuen und auch Bildungsaufgaben wie Schulklassenführungen oder Workshops für erwachsene Interessierte übernehmen. Neben Wohnhäusern griffen Unternehmen zu diesem Modell und gestalteten mit ihren Mitarbeitern Nutzgärten, von denen Natur, Klima, Tierwelt und Mensch profitieren können. Die gemeinsame Arbeit fördert den Teamgeist, die Früchte der Dachfelder werden entweder in der Kantine verarbeitet oder an das Personal verteilt, der Überschuss zu Kundengeschenken verarbeitet, an Tafeln abgegeben oder für einen guten Zweck versteigert. Dieser Ansatz inspirierte weltweit viele neue Projekte, zuweilen sogar ohne Rooftops.

Rooftops – Lebensort und Lebensqualität in der Pandemie

Gerade Covid-19 sollte den Rooftops zudem eine neue positive Dimension verleihen. Sie waren ein Ort in luftiger Höhe, an dem sich Nachbarn gefahrlos und im Grunde, ohne das Haus zu verlassen, treffen konnten. Den Nutzgärten kam durch den Lockdown eine ebenfalls zusätzliche Bedeutung zu, ermöglichten sie doch durch ihre Pflege eine sinnstiftende und gesundheitserhaltende Tätigkeit an der frischen Luft. Gleichzeitig schenkten sie nicht nur Home-Office-Mitarbeitern für ein paar Stunden etwas Abwechslung und ein angenehmes Arbeitsumfeld: In Unternehmen, in denen eine Anwesenheit in Büroräumen unumgänglich war, boten sie für Meetings oder das zeitweilige Arbeiten mit gebotenem Abstand eine ideale, originelle und mitunter durchaus repräsentative Umgebung, in der es leicht fiel, einen ungezwungenen Gesprächseinstieg zu finden.





Die Betrachtung von Rooftops hat sich weltweit gewandelt und ist so unendlich vielseitig geworden, wie die Kulturen, die sie einrichten, es selbst sind. Neben den traditionellen Luxusterrassen mit Cocktail-, Themen-Bar oder Pool, die in den großen Hotels schon längst selbstverständlich sind, den stylisch-grafischen Penthouse-Gärten und den kostenlosen Party-Bühnen, die einst das New Yorker Flair verkörperten, sind sie nun zu einem Lebensraum mit unzähligen Identitäten geworden: als Begegnungsorte für Nachbarschaften, als offene Klassenräume für die ökologische Erziehung, als Ökosphären für Insekten und Gebäudeklima, als Gemüsegärten für Selbstversorger, als grüne Büros oder als Ziergärten für Stadtromantiker. Rooftops erfinden Lifestyles, erweitern wortwörtlich und in mehrerer Hinsicht unseren Horizont, steigern unsere Lebensart. Sie sind ein Sinnbild für Optimismus und Hoffnung. Und sie finden in jedem Land eine Interpretation, die sich in der Grenzzone zwischen entspannender und produktiver Abgeschiedenheit einerseits und sozialer Nähe andererseits immer ein Stück Luxus, Freiheit, Verspieltheit und Genuss zu erschaffen weiß.













In unserer Lebensart-Übersetzungsboutique geht es um die schönen und wertvollen Dinge des Lebens. Um das, was unsere französischen Nachbarn als Art de Vivre bezeichnen. Unser Ziel ist es, mit unseren Übersetzungen die Botschaft, die Klangfarbe, die Bilder und Assoziationen feinfühlig und stimmig, klar und authentisch in die Zielsprache zu übertragen.

Unser Lebensart-Magazin möchte Sie einladen, sich ein bisschen treiben zu lassen, auf einer Reise durch die Länder, die Kulturen und Sprachen. Genießen Sie die Auszeit, entdecken Sie Schönes und Unbekanntes, immer mit dem Blick über die Sprachgrenzen hinaus.