Tadelakt – Von schlichtem Handwerk in die Welt des Luxus

Eigentlich ist es nur eine langtradierte marokkanische Handwerkstechnik, wie sie bescheidener und unaufregender kaum sein könnte: Aus gebranntem Kalk und Wasser wird Putz hergestellt. Doch dies allein erklärt kaum, warum Tadelakt inzwischen in den namhaftesten Luxushotels weltweit zu finden ist, die UNESCO sich für seine Geschichte und seinen Erhalt interessiert und er Einzug in unsere Designwelten und Interieurs gehalten hat.
Aus einfachsten Materialien Schönheit erschaffen
Das Wort, das übersetzt in etwa „reiben“ oder „polieren“ bedeutet, klingt ebenso wenig spannend wie die Materialien und Werkzeuge, aus denen Tadelakt entsteht: Kalk, Feuer, Wasser, eine Putzkelle, ein Stein und Seife.
Doch die Magie ist das Ergebnis einer langen Geschichte und einer bemerkenswerten Perfektionierung einer uralten handwerklichen Praxis. Die Fondation de la Mosquée Hassan II beschreibt Tadelakt als eine seit dem 11. Jahrhundert in marokkanischen Bauwerken verwendete Technik und dokumentiert mit ausführlichen Quellen seine aufwendige Herstellung. Der Kalk, der ausschließlich in der Nähe von Marrakesch gewonnen wird, ist von besonderer und einheitlicher Qualität, aber erst die Bearbeitung verwandelt ihn in das, was Innenarchitekten rund um den Globus begeistert.
Zunächst wird der Kalk gebrannt und mit Wasser vermischt. Die so entstandene Paste wird so lange bearbeitet, bis ihre Textur fein und homogen wird. Je nach gewünschter Ausführung können an dieser Stelle Naturpigmente hinzugefügt werden, die der fertigen Oberfläche ihre typischen warmen Erdtöne über Rosé und Ocker bis zu zurückhaltenden Grau- und Sandnuancen verleihen.
Ein unvergleichliches tradiertes Können
Ist die Putzmasse fertig, wird sie nicht irgendeinem Handwerker überlassen: Tadelakt wird von wahren Meistern ihres Fachs, den Maâlem, die bereits den gesamten Entstehungsprozess der Masse begleiten, aufgetragen. Nachdem die Oberfläche mit der Kelle geglättet wurde, wird sie anschließend mit einem glatten Stein weiterbearbeitet, verdichtet und poliert. Die feine Struktur dieses Steins, der oft vom Vater an den Sohn oder vom Meister an den Lehrling vererbt bzw. weitergegeben wird, trägt dazu bei, die Paste weiter zu vermahlen und die Deckschicht somit zu verschließen. So entsteht ein nicht nur perfekt ebenes, sondern auch haptisch seidenes und optisch schimmerndes, äußerst lebendiges Finish. Diese Arbeit am noch frischen Material erfordert eine sichere Hand, Erfahrung und ein intuitives Gefühl für Timing und Textur.Ist die optische Bearbeitung nun abgeschlossen, so folgt dennoch ein weiterer Schritt: Bevor der Putz aushärtet, wird Assaboun al Beldi oder Savon noir, eine Schmierseife aus Olivenöl und weiteren pflanzlichen Bestandteilen in die fertige Putzschicht eingearbeitet. Die Fettsäuren reagieren mit dem Kalk zu einer wasserabweisenden Beschichtung.
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Aus der Not geboren – zum Design geworden
Ursprünglich war Tadelakt nicht für Wohnbereiche bestimmt. In einem Land wie Marokko, in dem Wasser Mangelware ist, hieß es, Zisternen so zu beschichten, dass Verdunstung so gering wie möglich gehalten werden konnte. Später wurde diese Technik in Hammans verwendet, später dann bei repräsentativen Bauten, bis sie die Aufmerksamkeit westlicher und japanischer Architekten und Innenarchitekten erregte. Die Möglichkeit, Nassräume unabhängig von Rundungen, Nischen und Einbauten fugenlos und wasserabweisend zu gestalten, war hierbei nur ein Aspekt. Die Vielfalt an Optionen und Einsatzgebieten, die sich gestalterisch aus der seidigen, aber zugleich farblich je nach Lichteinfall und -intensität changierenden Oberfläche ergibt, die ebene und zugleich natürlich und lebendig anmutende, aber auch raffinierte und rätselhafte Optik, die sinnliche Haptik und die Unmittelbarkeit des Materials, das sich gleichermaßen enthüllt und entzieht, machen es heute zu einem weltweit begehrten Designelement im Luxussegment.

Puristisch edle Authenzität
Tadelakt trifft die ästhetischen Erwartungen und Bedürfnisse des Zeitgeists, der Luxus nicht mehr als demonstrative Zurschaustellung repräsentativer, sichtlich kostbarer Materialien auffasst, sondern zunehmend nach Authentizität, sinnlicher Zugänglichkeit und Individualität sucht. Tadelakt ist die Antwort auf eine Sehnsucht, die sich in der Auswahl naturnaher Produkte im Interieurdesign auslebt: Naturstein, Leinen, Massivholz, Leder und Kork.
Dass ihm seine alte handwerkliche Herkunft anzusehen ist, erhöht noch seinen Reiz. So findet er sich heute in Boutique-Hotels in Asien und den USA ebenso wie in Privatsuiten in Dubai, in Luxusapartments in Singapur oder in den Lobbys großer Architekturbüros oder Haute Couture-Häuser und inspiriert zu neuen Raumlesarten, die die Signatur eines alten Handwerks glanzvoll inszenieren. In aktuellen Konzepten wird er zum Designelement auch in der Objektkunst.

Drohte das alte Handwerk in den 1970er-Jahren auszusterben, bevor internationale Innenarchitekten begannen, sich für die Wohnkultur Marokkos zu interessieren, so ist Tadelakt heute eine weitweite Aufmerksamkeit sicher und er wird von der UNESCO als wertvolle Handwerkstechnik gelistet. Die wunderschönen Oberflächen, deren praktischer Nutzen in Sachen Wohnklima nur noch fast Nebensache ist, haben sich so sehr in der Architektur- und Designwelt etabliert, dass sie Teil eines eigenen Lifestyles geworden sind, der aus dem Alltäglichen das Besondere macht, Schlichtheit zu Luxus erhebt. Tadelakt lädt dazu ein, zu bewundern und zu berühren, zu sehen und zu fühlen, zu staunen und zu erleben



