Gärten – Porträts der Kulturen
- Martina Schmid

- vor 3 Stunden
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Gärten der Welt, was sie über die verschiedenen Kulturen erzählen
Kaum etwas verrät so viel über eine Kultur wie ihre Gärten. Sie sind weit mehr als gepflegte Grünflächen, sie erzählen davon, wie Menschen Natur verstehen, welche Werte sie schätzen und was ihnen wichtig ist.
Jeder Garten ist anders und Gartenbesitzer identifizieren sich in hohem Maße mit ihrem kleinen oder größeren grünen Reich. Farbgebung, Auswahl der Pflanzen, Struktur, Pflege … all dies wird zur Visitenkarte, zum Aushängeschild, zum Gegenstand des privaten Stolzes. Doch so individuell, wie es scheint, sind Gärten nur bedingt. Tatsächlich werden sie nicht nur von der geographischen Region und dem Geschmack ihres Besitzers geprägt, sondern sind auch die Übersetzung der Lebensart und der ästhetischen Werte der jeweiligen Kultur – spätestens dann, wenn es sich um öffentliche Anlagen handelt. Dabei können recht unterschiedliche Ansätze zu sehr ähnlichen Gestaltungen führen.
Graphische Gärten – Geometrie von Asien bis Europa

Japan: der Garten als Philosophischer Raum
Japan pflegt die puristische Ästhetik des Weglassens. Hier sind Gärten keine Orte üppiger Blütenpracht, sondern makellose, stille Meditationsräume, in denen über das Wesen der Natur philosophiert wird. Im Geiste von Wabi-Sabi 侘寂 – der Sinn für die feine Schönheit des Unvollkommenen und Vergänglichen – wird das Asymmetrische kultiviert. Moos ist überall zu sehen und nicht nur ein sanftes, in feinen Wölbungen modulierendes Element: Es wird auch als Mikrokosmos mit der Lupe betrachtet und analysiert. Bonsais erzählen von der Würde des Alters und der helfenden Hand des Menschen als Bewahrer und Diener der Natur. Steine sind dem Garten nicht fremd oder im Weg, sondern im Gegenteil gezielt eingesetzte Gliederungspunkte mit tiefgründiger symbolischer Bedeutung und sie werden sorgfältig ausgesucht und platziert. Die wohl faszinierendste und sicher bekannteste Ausprägung des japanischen Gartens ist der Karesansui 枯山水, der Trockengarten: Wenn der Geist zur Ruhe kommen will, blickt er auf feinen Kies, der mit Holzharken zu wellenförmigen Mustern gezogen wurde – ein zeitloses, verharrendes Symbol für den unendlichen Ozean. Gartenpflege ist in Japan ein göttlicher und ehrenvoller Dienst, der stetig, akkurat und selbstlos betrieben wird und von dem eine umfangreiche Industrie lebt: Unzählige Scherenmodelle, Blütenbesen und sehr viel Personal sind für die tägliche Umsorgung von Pflanzen und Bäumen nötig, in der kein einziges Blatt dem Zufall überlassen wird.

China: kunstvolle Mikrokosmen
Ähnlich wie beim Karesansui streben chinesische Gärten im Kleinen das Abbilden der großen, übermächtigen und zum Teil beängstigenden Natur an. Der Garten ist ein dreidimensionales Gemälde, das die gesamte Welt nachstellt: künstliche Berge, verschlungene Pfade, einladende Brücken und Pavillons sollen dazu führen, die Harmonie zwischen Himmel, Erde und Menschen im Vorübergehen zu verinnerlichen und sich zugleich der Kraft der Natur und der Möglichkeiten menschlicher Arbeit bewusst zu werden. Der chinesische Garten versteht sich nicht als Ort des Verweilens, vor dem der Betrachter in Gedanken versunken nachdenken kann. Er ist ein Ort des Gehens, der Schritte, des Fortkommens, der zu einer höheren Erkenntnis der Welt und ihrer Zusammenhänge führen soll.
Frankreich: Schönheit entsteht nur von Menschenhand
Der jardin à la française entspringt trotz seiner Bezeichnung als „Barockgarten“ eigentlich dem Geist des Absolutismus und der Aufklärung und dem tiefen menschlichen Bedürfnis nach Ordnung, Symmetrie und der unumstößlichen Vernunft der Geometrie. Er verkörpert die Überlegenheit des menschlichen Geistes über das vermeintliche Chaos der Wildnis. Gerade Sichtachsen, perfekt und in komplizierten Arabesken geschnittene Buchsbaumhecken, kunstvolle Blumenbeete legen sich wie Brokatbänder über die Erde, während glitzernde Wasserspiele die Luft kühlen und für Unterhaltung sorgen. Der französische Garten ist stets ein intellektuelles und politisches Statement und inszeniert den Anspruch des Menschen, die Natur zu beherrschen und zu kontrollieren. Dieser repräsentative Ansatz hallt bis heute auch im privaten Bereich nach. Auf französischen Grundstücken dominieren oft makellos gepflegte Hecken und elegante Rasenflächen, die sich selbst Zweck genug sind. Blüten gehören nach französischer Vorstellung nicht wirklich in die Stadt. Diese Ansicht führte in jüngster Zeit in der Hauptstadt Paris sogar zu einem viel beachteten Politikum: Die Bemühungen der Bürgermeisterin, klimaschutzbedingt Begrünungsprojekte durchzusetzen oder unter Bäumen auf den Trottoirs wilde Pflanzen und Wiesengewächse stehen zu lassen, stießen bei den Anwohnern auf wenig Gegenliebe und es wurde unverblümt :-) argumentiert, wer einen solchen Anblick wolle, solle gefälligst aufs Land ziehen.

Gärten als Raum – die Natur als Ort des Lebens
Großbritannien: die Sehnsucht nach der Schönheit des Unberührten
Cottage Gardens und klassische Landschaftsparks zelebrieren gleichermaßen, in ihren jeweiligen Größenordnungen, eine meisterhaft inszenierte Natürlichkeit. Es scheint an jeglichen Zwängen zu fehlen, wenn sich Rosen, Lavendel, stolzer Fingerhut und Nutzpflanzen wie Kräuter und Gemüse dicht an dicht aneinanderschmiegen. Statt messerscharfer Rasenkanten findet das Auge weiche Übergänge, verschlungene Pfade und eine charmante Patina aus verwitterten Holzbänken und alten Tontöpfen. Was einst ein Bauerngarten war, wurde zum Inbegriff des britischen Romantizismus – ein bewusster Gegenentwurf zur französischen Strenge. Das geordnete Chaos, das vollkommen mühelos (effortless) wirken soll, in Wahrheit jedoch eine detaillierte und feinsinnige Planung und eine sehr aufwändige, regelmäßige Pflege verlangt, ist vor allem eins: cosy.
Für die Briten ist das Gardening oft kein bloßes Hobby, sondern beinahe schon eine nationale Verpflichtung, in die unzählige Stunden voller Leidenschaft fließen, damit am Ende der Eindruck entsteht, als hätte die Natur selbst Regie geführt.

Italien: der Garten als Küche, Wohnzimmer und Kulisse der Lebenslust
Der giardino all'italiana steht für Genuss und Leben mit allen Sinnen. Hier verschmelzen Kunst und Natur zu einer harmonischen Einheit. Ob terrassenförmig und sonnendurchflutet an Hängen angelegt, als schattige Laubengänge in kleinen Dörfern, als kühle, geheimnisvolle Grotten, ob prunkvoll mit antiken Statuen dekoriert oder nur vom betörenden Duft von Zitrusbäumen geschmückt, die in schweren, klassisch anmutenden Terrakottakübeln reifen … diese Gärten sind vor allem Raum. Sie können sich als großzügige, repräsentative Bühnen oder als kuschelige kleine Plätze des Dolce Vita und des Familienlebens geben. Der italienische Garten stellt einen Mittelweg und ein Scharnier dar: zwischen der raffiniert-manierierten Formgebung französischer Gärten und der Naturnähe englischer Parks. Im Mittelpunkt steht das Konzept der Villeggiatura – jenes traditionellen Sommeraufenthalts auf dem Land, bei dem der Garten zur Kulisse für einen ausführlichen und gesellschaftlich fördernden Austausch, oder auch nur zum unkomplizierten Rahmen für ein gemeinsames Essen unter Freunden und fröhliche Gemütlichkeit wird. Gärten haben in Italien so viele Facetten wie das Leben selbst: Sie stehen gleichermaßen für repräsentative Eleganz und private Lebensfreude, für Gastfreundschaft und Rückzug, für oberflächlichen Überschwang und tiefgründige Nachdenklichkeit.

Die Suche nach Wohlbefinden – Oasen der Zuflucht und der Ordnung
Spanien und Marokko: der Garten als Schutz und Entspannungsort
Auf beiden Seiten der Straße von Gibraltar gleicht der Garten oft einer Flucht vor der Unbarmherzigkeit der Natur. Hier geht es nicht um florale Üppigkeit oder exotische Gewächse, sondern um ein Luxusgut anderer Art: Schatten und Kühle. Ummauerte Innenhöfe, das leise Plätschern von Wasserbecken, Palmen, nach Frische duftende Zitrusbäume, Jasmin, Oleander und Bougainvillea kreieren Rückzugsorte der Stille, in denen der Körper Erholung von der gleißenden Sonne findet. Zugleich sind Gärten hier der Ort der Willkommenskultur und der Gastfreundlichkeit, des sozialen und geschäftlichen Lebens.
Deutschland, Österreich, Schweiz: praktisch, reguliert, gepflegt
Im deutschsprachigen Raum ist der Garten oft eine Frage der Generationen. Traditionell soll der deutsche Garten vor allem „funktionieren“: Er ist ordentlich, praktisch strukturiert und gleichzeitig die private Kulisse, um nach getaner Arbeit abzuschalten oder als Kinderspielplatz zu dienen. Akkuratesse als Visitenkarte war lange Zeit das hauptsächlich angestrebte Merkmal, Stolz und Lob der Lohn für selbstlos erarbeitete Perfektion, die ohnehin bisweilen auch gesetzlich reguliert ist: In keinem anderen geographischen Bereich überwacht das Ordnungsamt auf so gründliche wie erbarmungslose Weise die Einhaltung von Grundstücksgrenzen und nachbarschaftlich verträglichen Bepflanzungen, was weltweit auch medial als Kuriosum Beachtung findet. Diese Garten-Kultur findet in der Sondererscheinung des Schrebergartens ihre wohl typischste Erscheinung. Doch auch hier ist ein Wandel spürbar: Das rein Zweckmäßige und die strenge Ordnung weichen zunehmend dem ökologischen Umdenken. Der Wunsch nach Naturnähe, nach wilden Bienenwiesen und unberührten, etwa igelfreundlichen Ecken wächst – eine neue Form des Wohlbefindens, die der Natur wieder mehr Raum zugesteht.

Gärten faszinieren, erwecken Neugier. Sie erzählen von ästhetischen Vorlieben, von der Suche nach Lebenssinn und Lebensfreude, der Sehnsucht nach Ursprüngen und Natürlichkeit, nach Sicherheit und Intimität. Es ist kein Zufall, wenn Gartenreisen für die Touristik-Branche einen der seltenen und krisensicheren Evergreens darstellen, und dies ist nur zu verständlich. Die – ob privaten oder öffentlichen – Gärten eines Landes zu entdecken bedeutet nicht zuletzt, seine Werte und seine ganze Geistesgeschichte kennenzulernen und auch zu verstehen, wie es das Verhältnis zwischen Natur und Mensch auffasst, was es sich von seiner Kultur verspricht, was es von ihr bewusst zeigen will. Gärten sind die demonstrative Seite der Seele eines Landes – und als solche ihre vielleicht unverfälschtesten und ehrlichsten Botschafter.


