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La Passeggiata – italienische Kunst des Flanierens




Belebte Fussgängerzone in Italien


Es gibt viele Arten und Weisen, den Tag ausklingen zu lassen. Persönliche Rituale spielen dabei oft eine Rolle. Wenn sich in Italien der Nachmittag verabschiedet und der Abend anbricht, wenn die Hitze des Tages nachlässt und das Leben wieder nach draußen verlagert wird, wird eine Tradition gepflegt, die sehr viel über die italienische Kultur und Denkart verrät: die Passeggiata, ein allabendlicher Spaziergang, der eigenen Regeln folgt. 

 

Eine blasse Übersetzung für ein wichtiges Stück Lebensart

Wer ins Wörterbuch schaut, mag nun enttäuscht sein. Demnach bedeutet Passeggiata lediglich „Spaziergang“, was wenig aufregend klingt. Allerdings geht es dabei nicht darum, sich aus gesundheitlichen Gründen regelmäßig Bewegung zu verschaffen. Das bewusste Flanieren ist Selbstzweck und wird konsequent und sinnlich zelebriert. Familien mit Kindern, Paare, Alt und Jung strömen am frühen Abend langsam durch die Straßen, durch die Fußgängerzone, über die Piazza, der Uferpromenaden entlang und genießen neben den nun mild gewordenen Sonnenstrahlen – und gelegentlich einem gelato oder einem aperitivo – das Sehen und Gesehenwerden, die zufälligen Begegnungen mit Freunden, Bekannten oder Verwandten, die kurzen Begrüßungen und den Small talk. Die Passeggiata ist die Zeit des Tages, an der Anspannung und Hektik abgestreift werden und das Dolce Vita in seinen schönsten und angenehmsten Facetten wieder zu seinem Recht kommt.

 

Ein Spiegel der italienischen Kultur

Italien zeigt gerade in diesem Ritual den ganzen Stolz der Italiener für ihre Kultur: als Heimat der Mode und der Kunst, der Gaumengenüsse und einer gehobenen Geselligkeit.Niemandem würde es einfallen, im Badeanzug der Passeggiata zu frönen. Bei aller Lässigkeit des Feierabends gehören ein gewisses Gefühl für Mode, ein wenig Eleganz, zumindest ein gepflegtes Auftreten zu diesem Catwalk des Alltags, und dies hat nicht nur mit Selbstdarstellung und Selbstverständnis zu tun: Sich ansprechend zu kleiden ist auch ein Zeichen von Respekt gegenüber den anderen Passanten und angesichts der Orte, durch die geschlendert wird. In diesen Stunden wird auch die Schönheit des eigenen Wohnorts, der Gebäude und Straßen, der Skulpturen, Brunnen oder Denkmäler bewusst wahrgenommen und beachtet.

 

Eine historisch gewachsene Tradition

In der römischen Antike waren Spaziergänge ein sozial relevanter Bestandteil des Alltags: Strategische Gespräche zwischen Politikern, Erziehung und Unterricht fanden damals schon „beim Gehen“ statt. Das gemeinsame Flanieren als Werkzeug des gesellschaftlichen Miteinanders ist also zutiefst in dem zivilisatorischen Prozess verankert, aus dem das heutige Italien erwachsen ist. Im Mittelalter dienten die abendlichen Spaziergänge in den Städten nicht zuletzt dem Zweck, für einige Stunden den engen Wohnverhältnissen zu entfliehen und Neuigkeiten auszutauschen. Ab der Renaissance bildete die Passeggiata vor allem ein Schaulaufen des höheren Bürgertums, eine Demonstration von Machtstellung, ästhetischem Geschmack und Kunstverstand und zugleich die Gelegenheit, in einem ungezwungeren, inoffiziellen Rahmen Kontakte zu pflegen oder zu knüpfen und somit die fruchtbare Grundlage für künftige Geschäfte zu legen. Wer Zeit und Muße hatte, sich allabendlich in bester Kleidung zu zeigen, Schönheit, Stil und die Freude am Leben bewies, war auch sozial ernst zu nehmen, und nicht zuletzt waren Kleidung und Auftreten ein wichtiger Maßstab für Seriosität, Standhaftigkeit und Zuverlässigkeit. Für junge Menschen waren Straße und Piazza die Bühne, auf der sie von ihren Familien als gute Partie inszeniert werden konnten oder sich selbst nach der verwandten Seele umschauten. Diese vielfältigen Funktionen erfüllte die Passeggiata bis ins 19. Jahrhundert hinein – und bis zu einem gewissen Grad ist es heute noch der Fall, auch wenn moderne Kommunikations- und Vernetzungswege diese Dimension stark beschnitten haben.

 

Warum gerade Italien?

Neben der eindeutig sozial-ökonomischen Komponente dieser historischen Tradition ist die Bedeutung des Klimas und des italienischen Städtebaus hier nicht zu unterschätzen. Sie erklären unter anderem, dass die Straße seit jeher ein zentraler Ort der Kommunikation und des Austauschs war. Die Struktur italienischer Dörfer und Städte mit ihrer zentralen piazza bzw. ihrem corso, jenen breiten und besonders gepflegten Hauptstraßen, die heute oft zum Mittelpunkt der Fußgängerzonen geworden sind und sich angesichts der ansonsten mehrheitlich sehr engen, wenig luftigen Gassen als angenehme, insbesondere im Sommer kühlere Orte der Begegnung anboten, führte ganz natürlich dazu. Die bereits in der Antike errichteten und genutzten Arkaden spendeten Schatten und stellten im Winter einen trockenen Rückzugsort dar. Das Aufkommen des Tourismus und die entsprechende Nutzung der Strandpromenaden verlängerten diesen Trend bis heute.

 

Die Passeggiata als Zukunftsmodell

Befürchten einige Beobachter, dass die Passeggiata in der heutigen Welt der Selfies und Influencer ihre erlesene kulturelle Bedeutung einbüßen und der Oberflächlichkeit des reinen Scheins anheimfallen könnte, so zeigt sie sich als ideales Modell für unsere Zeit. Sie trägt zum Abbau von Stress bei, indem sie eine klare Zäsur zwischen Work und Life einrichtet und eine kleine Bewegungsroutine in den Tag bringt, was sich für viele insbesondere durch die zunehmende Zahl von Homeoffice-Arbeitsplätzen zu einer zunehmenden Herausforderung entwickelt. Sie ist eine analoge Netzwerkplattform, die das Pflegen nicht nur wirtschaftlich und sozial nützlicher, sondern auch menschlich wertvoller und heute zu selten gewordener Kontakte in der realen Welt zwanglos ermöglicht und fördert und somit einer um sich greifenden Einsamkeit entgegenwirkt. Sie ist  aber auch als Teil des dolce far niente ein Werkzeug der Entschleunigung, des bewussten Erlebens und Genießens. Sie ist schließlich Glückslehre und Mahnung: Sie erinnert daran, dass das Leben nicht nur aus Effizienz und Produktivität besteht, sondern auch aus Muße, dem bewussten Erleben von Zeit. Diese kleinen Momente des Miteinanders und der Freude kosten nichts und sind im wörtlichen Sinn gerade deshalb unbezahlbar.

 


Die Passeggiata ist mehr als ein einfacher abendlicher Spaziergang durch die Straßen oder an einer Promenade entlang. Sie ist Zeugnis einer  Lebenseinstellung, einer Auffassung von Kultur und Gesellschaft. Und auch wenn sie nicht offiziell (noch nicht?) in die Liste des Immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen wurde, ist sie durch die Werte, die sie beleben, ein wichtiger und einzigartiger Botschafter Italiens. Sie verkörpert das, was viele weltweit unter „Italien“ verstehen: Gelassenheit, Geselligkeit, stilvolle Lebensart, Genuss und Weisheit.

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