Albergo Diffuso – wie ein Konzept aus Italien weltweit neue Lifestyles erschafft







Wie wollen wir in Zukunft leben?

Wie wollen und könnten wir wohnen?

Wie sollen unsere Städte morgen aussehen?

Wie sollen sie funktionieren?

Welche Lebensart können uns Orte bieten?

Wie werden wir arbeiten?


Diese Fragen sind längst nicht mehr nur ein Gedankenspiel unterbeschäftigter Urbanisten oder Soziologen. Aktuelle und brennende Themen wie Pandemie, Energie- und Versorgungskrisen sowie Klimawandel und Nachhaltigkeit machen sie zu einem Hauptanliegen unserer Zeit. Antworten, die den Weg zu neuen Lebensstilen und eine wiedergefundene Lebensqualität eröffnen, gibt es bereits. Eine von ihnen nahm ihren Anfang in Italien.



Albergo Diffuso: wie der Tourismus aussterbende Ortschaften rettete

Leere Häuser, Gebäude, die niemand mehr nutzt, verwaiste Straßen … Die Landflucht, die in den west- und südeuropäischen Ländern in den 1970er Jahren eingesetzt hatte, und die Überalterung der Bevölkerung insbesondere in ländlichen und Agrarregionen führten dazu, dass ganze Dörfer und Regionen Italiens nach und nach verfielen. Doch Heimatliebe kann Berge versetzen. So kam die Idee auf, diese Orte dadurch (wieder) zu erschließen, dass sie in ihrer Gesamtheit als Hotel betrachtet werden: Einzelne Häuser sind die Hotelzimmer, die Sträßchen und Gassen die Hotelflure, andere Häuser bilden das Frühstückszimmer, weitere, eigentlich private Wohnstätten sind zugleich Restaurants, Internetcafés und dergleichen. Das Hotel, das die Gäste empfängt, ist also nicht nur ein Gebäude in einem Ort, sondern der ganze Ort selbst. Hotelpersonal gibt es nicht, es ist die gesamte Bevölkerung, die örtliche Gemeinschaft. Auf diese Weise fühlen sich die Besucher auch eingebunden und erleben die Dörfer als ein Zuhause, als Lebensort und nicht nur als eine geliehene, anonyme Kulisse.


Aus Italien nach Japan … und weit darüber hinaus

Dieses Konzept faszinierte insbesondere japanische Besucher, deren ländliche Ortschaften sich mit denselben Problemen wie verfallenden Dörfern und aussterbender Bevölkerung konfrontiert sahen. Die Umsetzung ähnlicher Konzepte begann bald … und ist bis heute ein voller Erfolg.




Die Idee wuchs aber schnell darüber hinaus, und aus dem touristisch geprägten und aus gleichermaßen Not und Leidenschaft geborenen Wiederbelebungsversuch wurde bald ein städtebaulicher Ansatz, der sich als hoffnungsvoll zukunftsträchtig erweist, und aus dem sich Fragen und Antworten auch auf größere und belebte Städte, ja sogar Metropolen übertragen lassen.

Die Vorteile dieser Art der touristischen Erschließung sind zahlreich. Zum einen entscheidet die lokale Gemeinschaft darüber, wie weit sie gehen soll, was zu einem besonneneren und nachhaltigeren Tourismus führt. Das „Personal“ aus Gastgebern und Führern ist zudem nicht blass routiniert austauschbar, wie es Hotelleriefachangestellte oder professionelle Reisebegleiter sein könnten, sondern es besteht aus den tatsächlichen Einwohnern, die dem Besucher nicht nur einen tiefgründigeren lebensechteren Einblick in ihre Region ermöglichen, sondern auch eine differenzierte und dadurch wirksamere Ansprache des Gastes pflegen. Touristen lernen den Ort von innen heraus kennen und schätzen, und ihr Wunsch, was sie umgibt mit Respekt zu behandeln und es zu erhalten, wird durch die persönliche Begegnung mit den Menschen und ihrer Leidenschaft und die so natürlich entstehende emotionale Bindung gefördert. Die angebotenen Mahlzeiten werden außerdem nach dem Field-to-Table-Prinzip gestaltet, das von den Ortsansässigen seit jeher als selbstverständliche Lebensweise nach der Natur und den Jahreszeiten praktiziert wird. Nachhaltigkeit begegnet hier also Authentizität und ganzheitlichem, sanftem Tourismus. Schließlich ist die Motivation, die einzelnen Projekte auch wirtschaftlich erfolgreich zu gestalten, sowohl von der eigenen Begeisterung der Ortsgemeinschaft als auch von der Notwendigkeit einer finanziellen Zukunftsfähigkeit getragen, was zu einem höheren Maß an Kreativität und immer interessanteren, frischen Ideen führt.


Städte lebenswert und nachhaltig gestalten – Area Restauration Projects

Die Beobachtung war einfach: Wird die örtliche Bevölkerung darin mit einbezogen, einem Dorf oder einer Region neues Leben einzuhauchen und einem sinnvollen aber auch maßvollen Zweck zuzuführen, entstehen deutlich nachhaltigere und standfähigere Konzepte, als wenn diese durch Behörden und Theoretiker vorgegeben würden.




Es lag also nahe, dies auch in anderen Kontexten auszuprobieren, unter anderem zur Wiederherstellung lebenswerten Wohnens etwa in benachteiligten oder vernachlässigten Vierteln von größeren Städten. So schlossen sich in Japan eine erst kleine Gruppe von Designern, Architekten, Landschafts- und Stadtplanern zusammen und regten entsprechende Versuche an. Mittlerweile sind nicht nur einige Stadtteile von Kyoto, Tokyo und Osaka nach diesem Modell umgestaltet worden. So entstanden in vielen, bis dahin eher trostlosen Vororten und Schlafstädten neue kleine Lebensmittelgeschäfte, Kindergärten, Seniorenzentren, Parks, Begegnungsstätten und Jugend- und Ärztezentren, die von der örtlichen Bevölkerung getragen und gepflegt werden. Auch Dienstleistungen wie Frisöre und Waschsalons haben sich hier neu oder wieder niedergelassen. Die Finanzierung setzt sich aus Gemeindegeldern und Spenden zusammen. Bewohner und Anlieger berichten von einer erheblichen gefühlten Wertsteigerung des Viertels, einer höheren regionalen Gefühlsbindung und einer Verbesserung ihrer sozialen Kontakte hin zu weniger Einsamkeit und größerem Zusammenhalt, aber auch von positiveren beruflichen Perspektiven und einem wiederentdeckten Lebenssinn. Neues Wohnen und Arbeiten Durch die Pandemie erweckte das so erprobte Konzept auch jenseits von Japan großes Interesse. Lockdowns und Homeoffice in Zeiten von Wohnungsnot in einigen Metropolen machten deutlich, wie wichtig die Grundzüge der Alberghi Diffusi für die Zukunft des Wohnens und des Arbeitens werden könnten. Denn sie lassen sich fast überall übertragen. Die Wohnung, so die Idee, wäre in einer immer virtueller werdenden Welt auch aufgrund immer kleiner werdender Wohnflächen für den Einzelnen nicht mehr ein alles einschließendes Gesamtuniversum, sondern könnte ebenfalls über ein ganzes Viertel oder eine ganze Stadt „verteilt sein“. Dies würde auch das Problem der Bezahlbarkeit von Wohnraum erheblich reduzieren. Das Appartment könnte wie in den touristischen Konzepten als Hotelzimmer fungieren, in Fußweite für unterschiedliche berufliche Bedürfnisse eingerichtete Co-Working-Spaces als Arbeitsraum, Koch-WGs oder Cafeterias als (Gemeinschafts-)Küche und soziale Treffpunkte in unmittelbarer Nähe, Lagerräume wiederum als Schrank und Keller.





In den Vereinigten Staaten und in Spanien wurden bereits entsprechende Projekte gestartet, die nicht nur bei den unter 40-jährigen gern angenommen wurden. Sie zeigen auch auf, wie dies bereits in Japan gelungen ist, dass generationsübergreifendes Zusammenleben, betreutes Wohnen für Senioren und integratives Arbeiten für Behinderte oder Menschen mit seelischen Problemen auf diese Weise sowohl logistisch einfacher als auch kostengünstiger verwirklicht werden können. Zudem könnten gerade in den Großstädten durch den zusätzlichen (Wieder) Aufbau von kleinen Geschäften und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs neue Arbeitsplätze und Teilzeitjobs geschaffen werden, die den digitalisierungsbedingten Wegfall vieler Berufe mühelos auffangen würden. Aus einer Großstadt würde so eine Vielzahl von kleineren örtlichen, sich zu einem Großteil selbst genügenden Gemeinschaften nach dem Vorbild autarker Dörfer werden. Die städtische Infrastruktur müsste lediglich die Grundversorgung mit Energie und die Verbindung zu anderen Stadtteilen über Öffentliche Verkehrsmittel gewährleisten. Das so freigesetzte Budget könnte dann den einzelnen so gebildeten und sich fast selbst tragenden „Communities“ unterstützend für größere Vorhaben zur Verfügung gestellt werden. Langfristig ist auch der Versuch geplant, dort, wo dies möglich ist, klimaneutrale Heizungsenergie innerhalb der Gemeinschaften selbst zu produzieren und zu verwalten. Was also als touristisches Experiment in Italien begann, in Japan eine neue und faszinierend vielseitige und innovative Umsetzung fand, kommt durch die Krisen unserer Zeit beflügelt nach Europa zurück und erfährt auch auf dem amerikanischen Kontinent eine eigene und kulturell persönliche Interpretation. Für uns alle könnte diese Übersetzung des ursprünglichen Gedankens und Konzepts eine menschlich und wirtschaftlich lebenswertere Zukunft bedeuten. Damit schafft die Reise einer einzigen Idee, durch unterschiedliche Länder und verschiedene Kulturen übermittelt und bereichert, neue Perspektiven, die unsere Lifestyles nachhaltig verändern und prägen könnten.