Lavendel – ein internationales Gewächs...

...mit unterschiedlichen Interpretationen


Lavendel im Glas vor blauem Hintergrund


Eigentlich ist es „nur“ ein Kraut, das wie Rosmarin, Katzenminze oder Salbei zu der Familie der Lippenblütler gehört und sich wie viele Pflanzen dieser Gattung durch seinen horstigen Wuchs und vor allem durch seinen starken Duft auszeichnet. Damit könnte die Geschichte erzählt sein, doch es ist nicht so einfach. Denn Lavendel fasziniert und polarisiert, und im Laufe seiner sehr langen Geschichte wurde er geliebt und gehasst , verachtet und verehrt, ausgenutzt und angebetet. Und jedes Land sieht in ihm etwas ganz Anderes.



Die Lavendelfelder der Provence – eine Liebesgeschichte


Die langen Blütenreihen, die sich vom ockergrauen Boden der Provence absetzen, sind für die meisten das spontane Bild, das sich bei dem Wort „Lavendel“ aufdrängt und das Gegenstand unzähliger Fotografien ist. Im Hintergrund ist eine kleine Steinhütte zu sehen, manchmal ein Mas, jenes Bauernhaus in der typischen Bauweise der Region, oder die Abtei von Sénanque, deren Geschicke seit jeher untrennbar mit dieser Pflanze verknüpft sind. Die Postkarten-Idylle mag ein Klischee sein, und doch beflügelt sie unermüdlich unsere Träume und unsere Vorstellung dessen, was „der Süden“ ist. Tatsächlich sind die Dinge nicht so eindeutig, wie sie scheinen. In der Provence wachsen unterschiedliche Lavendelarten. Neben dem Echten Lavendel (Lavandula angustifolia) findet sich hier – immer häufiger übrigens – mehrheitlich der Lavandin (Lavandula intermedia), ein Hybrid aus Echtem und Breitblättrigem Lavendel (Lavandula latifolia), der mehr Ertrag verspricht.





Unabhängig von der Sorte ist Lavendel in der Provence buchstäblich Kult: Er wird vielerorts als „vollkommenes Gewächs“ und Geschenk Gottes an die Menschen mit Dankbarkeit verehrt. Er sichert den wirtschaftlichen Erfolg der Region, die ihn nicht nur touristisch voll ausschöpft. Er wird als Zierpflanze, Deko-Objekt, in Parfums, Gebäck und Süßigkeiten, Kosmetika, Likören und vieles mehr verwendet und bildet auch die Grundlage für eine ausgedehnte Honigproduktion. Jedes Jahr findet in der kleinen Gemeinde Sault ein Fest statt, das für die lokale Bevölkerung bei weitem nicht nur geschäftlich relevant ist: Es ist nichts minder als ein Erntedank, in dem der Lavendel mit authentischer Emotionalität gefeiert wird.


Englischer Lavendel – Erbe und Verpflichtung


Viele der Halbsträucher, die die Landschaften Südfrankreichs heute prägen, stammen nicht aus der Provence. Nachdem mehrere Krankheits- und Schädlingswellen die ursprünglichen Pflanzen flächenweise vernichtet hatten, mussten Stecklinge des Echten Lavendels aus einem Land importiert werden, das paradoxerweise nicht gerade für sein warmes und sonnig-trockenes Klima bekannt ist: Großbritannien. England und insbesondere die Grafschaft Kent sind eine Hochburg des Lavendelanbaus und haben sich auf besonders hochwertige Pflanzen spezialisiert. In England ist Lavendel eine Quelle des Stolzes und Ausdruck eines typischen Verständnisses der Natur, ihrer Nutzung, Beobachtung und Erforschung. Die unterschiedlichen Sorten – der Gezähnte Lavendel (Lavandula dentata) etwa, der mit seinen silbrigen Blättern als typisch englische Sorte bezeichnet werden darf, oder andere Arten mit weißen oder rosafarbenen Blüten – bieten nicht zuletzt Raum für Kreuzungen und entsprechen somit der englischen Mentalität in ihrer permanenten und ehrgeizigen Suche nach neuen Züchtungen und Varianten, die jedes Jahr auf zahlreichen Veranstaltungen, welche fester Bestandteil der britischen Kultur sind, vorgestellt werden. Lavendelbauern arbeiten in dem Bewusstsein, die wertvolle Geschichte der Pflanze zu unterstützen, ihren Fortbestand zu sichern und einen regelrecht historischen Beitrag zu leisten. Die Qualität der Sorten und ihrer Öle, die Stärke ihres Duftes und die Gesundheit der Sträucher stehen für sie im Vordergrund. Ebenso spielt der Lavendel als Kleinod in der Gartengestaltung eine zentrale Rolle. Auch hier geht es um ästhetische Qualität und Stolz.



Spanien und Portugal – unkomplizierte Freundschaft


Zu ihrer meistverbreiteten Sorte, dem hochwachsenden Großen Speik, pflegen die Länder der Iberischen Halbinsel ein lockeres und wenig hinterfragtes Verhältnis. Wird der Anbau von Lavendel seit einem Jahrzehnt in der Provinz Guadalajara forciert, um die immer trockener werdende Region landwirtschaftlich wieder nutzbar und touristisch attraktiver zu machen, bleibt Lavendel in der allgemeinen Vorstellung hier eher ein wildes Kraut, das sich in privaten Gärten kaum findet. Die Pflanzen dienen hauptsächlich dem Export und werden vor allem als Duftstofflieferanten in der Kosmetik, als Tee und Arzneimittel, aber vor allem als Küchenkraut betrachtet.




Lavendelfeld bei untergehender Sonne


Italienischer Lavendel – ganze Hallen voller Töpfchenglück


Wer in Italien Lavendel sagt, denkt zunächst an den verspielten Schopflavendel. Mit seinem niedrigen Wuchs, seinen schmaleren, leicht grauen Blättern und seinen eher dunklen Blüten, die von einem lustigen kleinen helleren Büschel Hochblätter gekrönt sind, ist der italienische Lavendel eine interessante Ausnahme unter den Lavendelarten. Ist er für die Industrie aufgrund seiner relativ überschaubaren Größe nur mäßig interessant, so hat es Italien jedoch verstanden, daraus einen Exportschlager zu machen. Das Land, das nach den Niederlanden das größte Wirtschaftsvolumen an Schnittblumen und Zimmerpflanzen in Europa verzeichnet, verschickt jedes Jahr in alle Welt Milliarden von Töpfchen mit dem stark würzigen Kraut, das sich auch bei uns in der Küche als Zutat, im Wohnzimmer als stylischer Farbtupfer für jedes Ambiente und auf Balkons als willkommene Abwechslung zum sonstigen Kasten-Einerlei einen festen Platz erobert hat. Italienischer Lavendel ist in Groß- und Baumärkten, bei Floristen, in Gärtnereien und Supermärkten als pflegeleichtes Stückchen Süden für den Hausgebrauch allgegenwärtig und schenkt uns im Kleinformat die ganze elegante Leichtigkeit des Dolce Vita.



Bulgarien – Lavendel ist Hoffnung


Viel pragmatischer als andernorts weiß Bulgarien den Lavendeltrend für sich zu nutzen. Hier erfolgt der Anbau im großen Stil, und die Sorten werden hauptsächlich nach der Einsetzbarkeit ihrer jeweiligen Eigenschaften ausgesucht und kombiniert. In der Dobrudscha, der ehemaligen Kornkammer Bulgariens, oder dem sogenannten Rosental um Kasanlak etwa wurde der Lavendel in den letzten Jahrzehnten zur großen Hoffnung der Landwirtschaft und entsprechend intensiv angebaut. Dank eines idealen Klimas und niedriger Lohnkosten ließ der Erfolg nicht lange auf sich warten: Bulgarien ist nunmehr der größte Lavendelproduzent der Welt und hat Frankreich längst und dauerhaft auf den zweiten Platz verwiesen. Missernten in anderen Ländern und eine steigende Nachfrage haben zudem den Preis des insbesondere für Parfumhersteller unerlässlichen Lavendelöls in die Höhe getrieben. Für die gebeutelte Wirtschaft Bulgariens ist dies ein hoffnungsvolles Tor in Richtung morgen und nach den derzeitigen Daten zu urteilen eine ernstzunehmende Perspektive.



Lavendel in Japan – sinnliche Freuden


Lavendel ist in Japan nicht heimisch, wurde aber mit der stetigen Öffnung des Landes gen Westen zu einer zunehmend beliebten Pflanze. In der Provinz Hokkaido erstrecken sich lange Felder westlicher Gewächse, die im Sommer Touristen aus allen Präfekturen anziehen. Zugkreuzfahrten dorthin werden angeboten, und die Lavendelblüte und -ernte sind in dieser Region nach der Kirschblüte zu einer Hauptattraktion geworden, die mit Festivals und Feuerwerken begangen wird. Teil des Alltags sind mittlerweile Lavendelsäckchen, die in den Obi des Kimonos gesteckt werden. Lavendel ersetzt oder ergänzt hier immer häufiger die traditionellen Zedernspäne-Füllungen, die Essens- und Körpergerüche von der Kleidung fernhalten sollen, und wird auch als Raumduft und in Räucherstäbchen verwendet. Französische Restaurants in Japan integrieren Lavendel in viele Gerichte, und in Hokkaido sind Lavendel-Eis und Lavendel-Mochi zu einem neuen Klassiker geworden. Überall, wo dies klimatisch möglich ist, wird Lavendel heute ebenfalls in der Begrünung städtischer öffentlicher Räume wie Fahrbahnteiler, Bahnhöfe, Bürgersteige oder Geschäftseingänge eingesetzt und findet sich sogar in den versteckten Höfen der Tiny Houses. Lavendel offenbart die typisch japanische Fähigkeit, Neues zu entdecken, wertzuschätzen, und durch Anlehnung und Verinnerlichung das Beste aus aller Welt zu auszusuchen und behutsam in die eigenen Traditionen und Lebensart zu überführen.





Wie viele edle Erzeugnisse, die unsere Art zu leben prägen und bereichern, ist auch Lavendel Ausdruck und Vermittlung unserer jeweiligen Sicht dessen, was jede Kultur, ja jedes Land als wertvoll und kostbar betrachtet. Er eröffnet uns einen Blick in unsere Gemeinsamkeiten und Unterschiede, in die Dinge, die wir bedingungslos auf allen Kontinenten teilen. Sein Duft und seine Farbe, die Allgemeingültigkeit seiner Schönheit, sein über alle Grenzen hinweg immer erkennbarer Anblick übersetzen zugleich unseren Dialog mit anderen, lassen uns Nähe und Sehnsucht, Vertrautheit und Freiheit spüren. Gerade das macht ihn zu einer unersetzlichen und weltweit unbestrittenen Kostbarkeit.