Murano-Glas – wie aus einem (W)Ort Träume werden
- Martina Schmid

- vor 1 Tag
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Es gibt Namen, die nur ausgesprochen werden müssen, damit sofort klar ist, dass von Kostbarem die Rede ist. Dies betrifft in der Mode etwa berühmte Designer-Marken, auch die Automobilindustrie hat ihre Traumlabel, die für die Aura des Besonderen stehen. Zu den Wörtern, die im Kunsthandwerk weltweit zum Träumen anregen, gehört Murano. Es verkörpert ebenso wie große Mailänder Haute-Couture-Häuser und Ledermanufakturen oder die Gefährte mit dem begehrten Pferdchen die ganze Erlesenheit italienischen Geschmacks und die italienische Liebe zum Schönen und zur Meisterschaft des Handwerks.
Geschichte wiederholt sich gern –
vor allem, wenn es um Luxus geht
Ob Saint-Tropez, Marbella, Monaco, Gustavia oder Chora … Sie alle waren verschlafene Fischerdörfchen, bevor sie mehr oder weniger zufällig und durch das Interesse von Künstlern und Kunsthandwerkern bedingt plötzlich zum Symbol des Luxus wurden. Nicht anders erging es der kleinen Inselgruppe Murano, die in der Lagune von Venedig geborgen bis zum 13. Jahrhundert ein unaufgeregtes und wirtschaftlich wenig ansehnliches Dasein fristete, bis ein Gesetz dies schlagartig änderte.Diese Entwicklung hatte ihren Anfang allerdings in Wirklichkeit fünf Jahrhunderte zuvor genommen. Hatte die Herstellung von Glas nach dem Zerfall des römischen Reiches und des damit einhergehenden Zusammenbruchs der Rohstoffversorgung in der Antike für die italienische Halbinsel an Bedeutung verloren, so war sie andernorts, namentlich in Arabien, weitergeführt und technisch weiterentwickelt worden. Mit dem Aufstieg Venedigs und seiner Region zu einem der wichtigsten Handelszentren und Warenumschlagplätze gelangte das entsprechende Wissen ins Veneto zurück.Der Forschergeist, der in der Renaissance zur Blütezeit Italiens führen sollte, zeichnete sich bereits ab: Die Glashütten Venetiens waren nicht nur herstellende Werkstätten, sondern auch Laboratorien, in denen mit den Eigenschaften, Grenzen und Möglichkeiten der Glasmasse und der Ausführung von Mustern und Dekoren aller Art experimentiert wurde. Schon im 8. Jahrhundert war Venedig in ganz Europa für eine hochwertige Glaskunst berühmt, die sich immer mehr zum Exportschlager entwickelte und nun die Tafeln der Adelshäuser schmückte und die Schatzkammern der Klöster bereicherte.
Eine einzige Unterschrift besiegelt einen jahrhundertewährenden Ruhm
Doch Erfolg hat seinen Preis. Die unter vielen Mühen und intensiver Arbeit ausgearbeiteten Geheimrezepturen waren begehrt und es wurde immer schwieriger, Wirtschaftsspionage zu verhindern. Zudem erforderte die unentwegt steigende Nachfrage die Errichtung immer zahlreicherer Öfen, was in einer hauptsächlich aus Holzkonstruktionen bestehenden Stadt alles andere als ungefährlich war. Beiden Problemen begegnete die Regierung der Serenissima mit einem harten Schnitt: Die Glashütten wurden auf Murano verbannt, was sowohl dem Brandschutz als auch der Sicherung der Geheimhaltung diente. Mit einem Mal stand Murano für unerreichte Qualität und so, wie die Insel zum Tempel der Glasmacherkunst wurde, wurde der Name selbst zu dem, was wir heute als „Label“ und Gütesiegel zugleich bezeichnen würden.War mit der geografischen Auslagerung der Glashütten und ihrer Konzentration an einem Ort der erste Schritt zu einem gewissen Schutz der wertvollen Formeln und Verarbeitungstechniken gemacht, so genügte dies angesichts der Beliebtheit von Objekten, Mustern und Material nicht mehr. Dafür sorgte die Republik Venedig mit strengen Verordnungen, die heute drastisch anmuten mögen, die Zunft aber aus eigenem wirtschaftlichem Interesse durchaus begrüßte: Glasmeister duften die Stadt nicht ohne Erlaubnis verlassen und die Rezepturen durften ausschließlich vom Vater auf den Sohn vererbt werden. Zudem wurden die Besten ihres Fachs für ihr Können fürstlich entlohnt, was die Gefahr eindämmen sollte, aus Gewinnsucht Betriebsgeheimnisse zu veräußern. In den meisten Fällen ging diese Strategie auf: Dass gegenteilige Fälle als bekannte Skandale in die Geschichte der Murano-Glas-Manufakturen eingingen, zeigt, dass es sich eher um Ausnahmen und nicht um die Regel handelte, die gerade deshalb im Gedächtnis blieben.
Aus Ehrgeiz und Feuer geboren
Was das Geschäft belebte, war nicht die Konkurrenz – die böhmische Glaskunst etwa entwickelte sich später und war eher für ein breiteres und preisbewussteres Publikum bestimmt –, sondern sowohl das politische Bewusstsein für die Sonderstellung Venedigs und der Wunsch nach der Ausstrahlung der Stadt als Ort der Kultur und des gehobenen Kunsthandwerks als auch der finanzielle Reiz, der sich aus dem Export der teuren Luxusware ergab, aber vor allem der Wunsch, die eigene Meisterschaft innervenezianisch zu neuen Höhen zu bringen und sich von seinesgleichen besonders abzuheben. Den Titel „Maestro“ tragen zu dürfen, implizierte eine jahrzehntelange Ausübung des Berufs und den Nachweis besonderer Verdienste in der Kunst der Glasbläserei und -ausformung.Die Liste derer, die zur Entwicklung der berühmten Muster und Farben beitrugen, die wir heute noch unmittelbar als Murano-Erzeugnisse identifizieren, scheint schier endlos. Familien wetteiferten um die originellsten, kompliziertesten und prachtvollsten Ergebnisse, nicht zuletzt weil Glasmeister Privilegien und Anerkennung genossen. Den eigenen Namen mit der Kreation einer neuen Technik, Nuance oder Formgebung verbinden zu können, war also Motivation genug.

Murano-Glas – Hypnotische Schönheit und atemberaubendes Können
Die Bezeichnungen, die Objekte aus Murano-Glas tragen, spiegeln die in den Jahrhunderten dieser Geschichte entstandenen Muster wider und sind international zum Sinnbild dessen geworden, was Murano ist. Das bekannteste, Millefiori, das tatsächlich aus der Antike datiert und aus kleinen, mehrschichtigen und in Scheiben geschnittenen Glasstäbchen namens Murrine besteht, die anschließend zu floralen Motiven oder verschlungenen Bändern zusammengefügt werden, ist über die berühmten, oft als Briefbeschwerer verwendeten Halbkugeln bekannt geworden und ist für viele weltweit das erste Bild, das sich aufdrängt, wenn von Murano die Rede ist. Zu wissen, wie sie angefertigt werden, zerstört keineswegs den Zauber, den sie ausüben. Man kann sie stundenlang betrachten und staunt noch immer über die filigrane Meisterschaft, die sich hier offenbart. Dabei erfordern Lattimo – milchige, fadenartige Zeichnungen in Klarglas – und das Schichtglas Sommerso nicht weniger Können. Wer erlebt hat, wie die Glasbläser aus Murano aus der glühenden Masse mit Schere, Zange und Pinzette die kunstvollsten Figuren ausarbeiten, vergisst das für den Laien unerklärliche, magisch anmutende Schauspiel niemals mehr und versteht erst recht, welcher Respekt diesen Kunsthandwerkern damals wie heute entgegengebracht wird.

Eine ungebrochenen handwerkliche Tradition
Heute wie einst wird Murano-Glas rein handwerklich hergestellt, heute wie einst wird das Wissen an den Öfen selbst vom Vater oder Großvater an Söhne oder Enkel weitergegeben. Dies hat heute weniger rechtliche Aspekte, sondern ergibt sich aus den Biografien der Glaskünstler, die in diesem ganz speziellen Umfeld aufwachsen. Die Faszination, die Sammler empfinden, erleben sie von Kindesbeinen an und sie lässt sie oft ein Leben lang nicht mehr los.Die Einzigartigkeit der Erzeugnisse aus den Glashütten Muranos liegt in den besonderen Mischungen aus Quarzsand, Kalk und Alkali und der perfekten Beherrschung der Temperatursteuerung, die Jahreszeit und Wetter von Fall zu Fall angepasst werden müssen. Echtes Murano-Glas trägt die Spuren dieser Arbeit, und kleine „Mängel“ wie Bläschen oder Falten zeugen von seiner Authentizität. Diese Prinzipien wussten die Manufakturen allerdings immer mit wirtschaftlichem Realismus zu verbinden. Vasen, Figuren und andere Produkte wurden immer wieder ein wenig dem Zeitgeist angepasst. Murano hat es hervorragend verstanden, der Versuchung zu widerstehen, im 18. und 19. Jahrhundert im Kampf gegen preiswertere und aufstrebende Manufakturen aus Böhmen und Frankreich die eigenen Ansprüche zu verraten. Im 20. und 21. Jahrhundert halfen Kooperationen mit Künstlern, eine neue Facette des Geschäfts zu etablieren und Zeiten und Konkurrenz zu trotzen. Muranos Kunsthandwerk wird immer mehr als Kunst wahrgenommen und ist Gegenstand eigener Ausstellungen und Sammlungen.
Altes Thema, neue Gefahren?
Der Schutz der Murano-Glaskunst ist heute wieder ein Thema: Nachahmungen aus industrieller Produktion, ob in Form von bewussten Fälschungen oder nur ähnlichen Waren in einem vergleichbaren Stil, die zu zugänglicheren Preisen angeboten werden, sind ein Problem, um die Reinheit und Authentizität der Marke „Murano“ zu erhalten.Erstaunlicherweise mündeten die diesbezüglichen Gedanken und Sorgen aus dem Jahre 1291 erst sehr spät in einen gesetzlichen Schutz, wie wir ihn heute verstehen: 1994 schaffte zum ersten Mal ein Regionalgesetz eine Grundlage für den Schutz des „Vetro Artistico Murano“. Ein vom Konsortium der Glashütten der Insel zertifiziertes Siegel, das nur geprüften Werkstätten auf Murano erlaubt, diesen Namen zu tragen, war erst ab 2009 gegeben. Inzwischen ist allerdings die Eintragung als geschützte geografische Herkunftsbezeichnung auf den Weg gebracht worden.

Dass Murano nicht nur bei Sammlern international bekannt und die Objekte aus den traditionsreichen Manufakturen wie eh und je begehrt sind, ist der Beweis dafür, dass ein Hype erstaunlicherweise tatsächlich Jahrhunderte anhalten kann. Bedenkt man die Fragilität des Materials, entbehrt die Beständigkeit ihres Erfolgs nicht einer gewissen Ironie. Murano-Glas ist ein Sinnbild italienischer Ästhetik, Lebensart und Philosophie und gehört neben Mode, Design, Kochkunst, Papier und Musik ganz sicher zu ihren langjährigsten und zuverlässigsten Botschaftern.

