Textiles Gestalten – die Kunst der Komposition
Schönheit entsteht im Zusammenspiel

Ein Band aus Seide, ein Streifen Baumwolle, eine kunstvoll gewebte Borte. Jedes dieser Elemente besitzt seine eigene Farbe, Struktur und Geschichte.
Durch die Verbindung entfalten sich neue Muster, Kontraste und überraschende Farbwirkungen.
Ob hauchzarte koreanische Seidentücher, kunstvoll bestickte Textilien aus Bengalen, großformatige Bildcollagen oder Röcke aus einer Vielzahl unterschiedlich gemusterter Bänder: Hinter diesen so unterschiedlichen Arbeiten steht ein faszinierendes gestalterisches Prinzip: Farben, Muster und Materialien treten miteinander in Beziehung und entwickeln eine Ästhetik, die weit über die Wirkung der einzelnen Elemente hinausgeht.
Vier Ausdrucksformen textiler Gestaltung
Jogakbo – Korea: Geometrische Kompositionen aus Seidenstoffen, bei denen Licht und Transparenz besonders in Szene gesetzt werden.
Kantha – Bengalen: Eine jahrhundertealte Textiltradition, die mehrere Stofflagen durch feine Stickereien verbindet und mit vielfältigen Motiven gestaltet.
Małgorzata Mirga-Tas – zeitgenössische Kunst: Die polnische Künstlerin erschafft aus Stoffen und Kleidungsstücken mit eigener Geschichte großformatige Bildcollagen, die vom Leben und der Kultur der Roma erzählen.
Lena Hoschek – österreichische Mode: Die Designerin verbindet Bänder unterschiedlichster Farben, Muster und Webstrukturen zu ihren charakteristischen Bänderröcken.
Jogakbo – wenn Stoff zu Licht und Geometrie wird
Auf den ersten Blick könnte man sie für abstrakte Kunstwerke halten: Rechtecke und Quadrate in zarten, manchmal aber auch leuchtenden Farben, durchzogen von feinen Linien. Sie erinnern an die Bilder der klassischen Moderne oder an farbige Glasfenster, durch die das Sonnenlicht scheint.
Diese besondere Form textiler Gestaltung hat in Korea eine lange Tradition. Jogakbo heißen sie, diese aus kleinen Stoffstücken zusammengenähten Tücher, die zur traditionellen koreanischen Textilkunst des Bojagi gehören.
Bei den Tüchern aus hauchdünner, transparenter Seide wird das Licht selbst zum Gestaltungselement. Die einzelnen Farbflächen beginnen zu leuchten, während die Nähte ein feines grafisches Liniennetz bilden, das die Komposition zusammenhält und zugleich ihre Struktur bestimmt.

Kantha – wenn Stoffe ein zweites Leben bekommen
In Bengalen entstand durch das Schichten und Besticken von Stoffen eine ganz besondere Bildwelt.
Kantha bezeichnet eine jahrhundertealte Quilt- und Sticktradition des Wiederverwendens und Vernähens von Textilien. Es werden getragene Saris und andere Baumwollstoffe übereinandergelegt und mit feinen kunstvollen Stickstichen verbunden. Als Motive werden Blumen, Tiere, Menschen und Alltagsszenen aufgestickt. Die dicht gesetzten Stiche erzeugen Wellen auf dem Stoff und eine reliefartige Struktur, sie verleihen den Textilien eine fast plastische Wirkung. Dennoch bleiben die Farben und Muster der ursprünglichen Gewebe erhalten und verbinden sich zu neuen Kompositionen. Was dabei entstand, war zugleich Gebrauchsgegenstand, textile Erinnerung und Ausdruck handwerklicher Gestaltung.

Małgorzata Mirga-Tas – wenn Stoffe Geschichten erzählen
Auch in der zeitgenössischen Kunst werden Stoffe zu Trägern von Geschichten und Erinnerungen. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist die polnische Künstlerin Małgorzata Mirga-Tas. Sie erschafft großformatige Bilder aus Stoffen, Kleidungsstücken und Textilien aus ihrem persönlichen Umfeld.
Aus den bunt gemusterten Stoffstücken entstehen Porträts, Landschaften und Alltagsszenen. Die Künstlerin erzählt darin vom Leben der Roma, von Familien, Gemeinschaft und kultureller Identität. Häufig stammen die verwendeten Stoffe sogar von den Menschen, die sie porträtiert. Das Material wird damit selbst zum Träger von Erinnerungen.
2022 gestaltete Mirga-Tas mit ihren monumentalen Textilcollagen den Polnischen Pavillon der Biennale in Venedig. 2025 waren ihre Arbeiten auch im Kunsthaus Bregenz zu sehen, in der Ausstellung Tełe Ćerhenia Jekh Jag.
Hier wird das Zusammensetzen von Stoffen zu einer eigenständigen künstlerischen Bildsprache. Muster, Farben und die Geschichte der Materialien sind gleichermaßen Teil des Werks.

Lena Hoschek – wenn Bänder zu Mode werden
Der ikonische Bänderrock von Lena Hoschek hat eine bemerkenswerte Entstehungsgeschichte. Während ihrer Ausbildung an der Wiener Modeschule Hetzendorf begann sie, bei Textil-Müller in Kritzendorf in der Nähe von Wien Bänder und Borten einzukaufen und zu sammeln – zunächst ohne eine bestimmte Verwendung dafür im Sinn zu haben.
Aus dieser Sammlung entwickelte Hoschek später ihren Bänderrock, der seit den Anfängen ihres Labels im Jahr 2005 zu ihren charakteristischen Entwürfen gehört.
Seine Besonderheit liegt in der Komposition: Bänder mit unterschiedlichen Ornamenten, Farben und Webstrukturen werden so angeordnet, dass ein eigenständiges Muster entsteht. Dabei behalten die einzelnen Bänder ihren Charakter und entfalten gerade im Zusammenspiel ihre besondere Wirkung.
Bis heute arbeitet Lena Hoschek mit traditionellen Bandwebereien zusammen. Deren überlieferte Muster und Webtechniken finden auf diese Weise Eingang in die zeitgenössische Mode.

Die Kunst liegt in der Komposition
Was das koreanische Seidentuch, die bengalische Kantha-Decke, die künstlerische textile Bildcollage und der Bänderrock aus Österreich gemeinsam haben?
Ihre Schönheit entsteht nicht aus einem einzigen kostbaren Material, sondern aus dem Zusammenspiel vieler einzelner Elemente.
Dabei braucht es vor allem ein Gespür dafür, welche Farben, Muster und Strukturen einander ergänzen – oder gerade durch ihre Gegensätze eine neue Wirkung entfalten.
Denn manchmal liegt das Außergewöhnliche nicht im einzelnen Stück, sondern in der Kunst, daraus ein Ganzes zu machen. Was im industriellen Prozess wenig Beachtung fand, was vergessen und aussortiert schien, wird durch handwerkliche Gestaltung zum unvergleichlichen Design. Es geht um den Glauben daran, dass wahre Schönheit erst durch Geschichte, Charakter und den Respekt vor dem Material entsteht.



