Mas de Provence




In der Provence können Postkarten, die auch in Zeiten von Smartphones und Selfies noch auf zahlreichen Drehständern vor Zeitungs- und Souvenirgeschäften verkauft werden, zuweilen recht eintönig anmuten: Lavendelfelder, soweit das Auge reicht – und mittendrin ein sandfarbenes Haus mit mediterran-hellroten Dachziegeln. Mehr als diese beiden Zutaten und dieses klischeehafte Bild braucht es nicht, um uns zum Träumen zu bringen, unser Fernweh und unsere Sehnsucht nach Sonne, Urlaub und den Schätzen des Südens zu wecken. Ein einfaches Haus wurde zum Sinnbild einer ganzen Region und ihrer Lebensart. Doch wieso?


Die einfache Geschichte eines einfachen Gebäudes


Wenig aufregend und gar nicht mal typisch?


Nichts schien dieses Gebäude dazu zu prädestinieren, zum Sinnbild der Provence zu werden. Tatsächlich ist diese Bauweise ebenso im Languedoc oder im Roussillon, also in einem Großteil des französischen Südens, und sogar in einigen Teilen Kataloniens anzutreffen. Das Wort selbst, das ohne „s“ ausgesprochen werden sollte, stammt zwar aus dem provenzalischen Dialekt, der der katalonischen Sprache nahe ist, geht aber schlicht auf die spätlateinische Wurzel masu zurück, was nichts anderes als „Haus“ bedeutet. Spannend ist die Geschichte des Wortes, das wir als so malerisch empfinden, also nicht wirklich.



Eigentlich nur ein Bauernhaus …





Dass ein Mas mitten in einer weiten Landschaft gut sichtbar allein steht, spiegelt seine ursprüngliche Bestimmung wider. Mas waren in erster Linie Bauernhäuser kleineren Ausmaßes, die sich hier deutlich von den „Bastides“ unterschieden, welche sehr ausgedehnten landwirtschaftlichen Betrieben, Weingütern oder sonstigen Gehöften und Anwesen vorstanden. Um dem rauen Klima der Region mit ihren heißen und trockenen Sommern, den schnee- und frostreichen Wintern und starken Temperaturschwankungen zu begegnen, mussten Mas selbstverständlich von ausgesprochen stabiler Substanz sein. In den unterschiedlichen Landstrichen der Provence zeugen sie heute noch von den jeweiligen alten landwirtschaftlichen Spezialitäten: In den Lavendelfeldern des Lubéron sind es oft schlichtere und kleinere einteilige, höchstens als L angelegte Gebäude. In der Camargue wiederum, die von der Schaf-, Pferde- und Stierzucht, der Salzgewinnung und dem Reisanbau geprägt wurde, sind sie von wesentlich beeindruckenderen Dimensionen und Flächen und erinnern mitunter an größere Haciendas. In der Crau, in der jahrhundertelang Schafzucht dominierte, oder der Drôme und der Ardèche, die hauptsächlich für den Obstanbau berühmt waren und sind, sind sie von mittlerer Größe.


Damals schon: eine nachhaltige, lokale und umweltfreundliche Bauweise


Mas wurden mit den Materialien gebaut, die vor Ort zur Verfügung standen: Steine, die aus den Feldern nach dem Durchpflügen entfernt und am Wegesrand zur beliebigen Verwendung aufgetürmt oder aus den nahen Flüssen entnommen wurden, Holz und Erden aus der Region verleihen ihnen ihre typischen pudrigen Töne. Der apricot- bis sandsteinfarbene Putz aus Sand, Erde und Kalk gewährleistete durch eine spezielle Rezeptur einen perfekten Feuchtigkeitsaustausch zwischen Innen und Außen, schützte die Mauern vor Rissen durch Frost und starke Temperaturschwankungen, reflektierte im Sommer das Sonnenlicht und diente gleichermaßen als „Klimaanlage“ und Barriere gegen Ungeziefer und Nagetiere. Das Gebäude war so gestaltet, dass neben Menschen Tiere und Vorräte unter einem Dach Platz fanden – die von den Bewohnern genutzten Räume in der ersten Etage wurden von unten von den Tieren und der oder den Koch-und Waschküchen gewärmt, während von oben die Trockenvorräte wie Getreide, Heu und Kräuter als Dämmung fungierten. Die Größe war zudem anpassbar und Anbauten waren aufgrund der einfachen Form und einer durchdachten Inneneinteilung jederzeit möglich: Das Mas konnte mit der Familie im Zuge von Heiraten und Geburten sowie mit der Entwicklung und Erweiterung des Betriebs ohne viel Aufwand mitwachsen.


Aus schlicht wird schick


Aus dem Mittelalter in die Neuzeit


Nach und nach entwickelten sich die mittelalterlichen Bauten zu dem, was in neuerer Zeit ein Mas wirklich ausmacht. Im 17. Jahrhundert wurden aus Genua die ersten Dachziegel importiert, die wir als „typisch provenzalisch“ empfinden. Waren sie zunächst den reichen Weindomänen und den betuchten Bastides vorbehalten, so erreichten sie bald auch die Mas und ersetzten die einfachen und brüchigen Ziegel, die bis dahin oft vom Bauern selbst aus schlechtem Ton auf dem Oberschenkel geformt und im Gemeindeofen gebrannt wurden. Dazu gesellten sich Fensterläden aus Hölzern der Region, die mit ihrer einzigartigen Z-Verstärkung und ihrem lavendelblauen Anstrich zu den weiteren Merkmalen des Mas gehören.





Zu hip wegen Hype?


Allerdings sind gerade diese Kennzeichen heute gefährdet. Die Aufgabe vieler landwirtschaftlicher Betriebe traf in den 1970er Jahren unglücklicherweise auf die Phase des stark zunehmenden Tourismus’ und der neuen Gewohnheit vieler Großstädter – ob aus benachbarten Regionen oder aus der französischen Hauptstadt –, sich Wochenend- und Ferienhäuschen einzurichten. Ein Mas war schick, es zu mieten war zu wenig, es gehörte sich, eines zu besitzen. Mas wurden zu Sommerfrischenresidenzen, zu Hotels oder Bed- & Breakfast-Pensionen, zu Wellness-Oasen und Spas umfunktioniert. Reiche Designer und Künstler folgten bald, machten aus dem Leben in der Provence eine Pose und kauften immer mehr Bestand ab, den sie nach ihren Vorstellungen repräsentativ umgestalteten. Da der Gebäudetyp nicht als Kulturerbe eingetragen ist und die Mas mehrheitlich auch nicht unter Denkmalschutz stehen, wurden sie den Wünschen und dem Geschmack der Kunden angepasst. Die Fensterläden wurden bestenfalls mit Farben umlackiert, die nicht zu einem Mas gehören, oft sogar durch modernere Modelle ersetzt, denen das „Z“ ganz und gar fehlt. Schlimmer noch: Der für das Gebäudeklima so wichtige und durchdachte, jahrhundertelang erprobte Putz wird immer häufiger weggekratzt, um die Ursprünglichkeit des Natursteins freizulegen, was nicht nur dem Wesen eines Mas von Grund auf widerspricht, sondern eine bautechnische und bauphysikalische Katastrophe ist. Vor vielen Mas, die auf ihrer leichten Anhöhe thronen oder sich im schützenden Kissen ihrer Felder einkuscheln sollten, breitet sich nun ein Pool aus. Vom Mas bleibt vielerorts nur der Name übrig.



Zurück zu den Wurzeln?


Mittlerweile organisieren sich private lokale Initiativen, die sich dafür einsetzen, dass zumindest kleinere Mas bei einem Besitzerwechsel wieder in den ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden müssen und dass Kaufverträge künftig an bestimmte Auflagen geknüpft werden. Doch dies ist ein langer und behördlich anstrengender Weg, dessen Erfolg nicht zuletzt aufgrund der berechtigten örtlichen wirtschaftlichen Interessen noch fraglich erscheint.

Eine unverhoffte Hilfe könnten jedoch der Klimawandel und die sich anbahnenden Energiekrisen leisten, denn das Mas ist in seiner erdachten Bauweise das perfekte ökologische Haus.





Das Mas von der Postkarte verkörpert auf berührende Weise eine lebendig übersetzte Unübersetzbarkeit. Es erzählt uns Geschichten aus einer Welt, von der wir träumen möchten, die uns vertraut erscheint, die wir erkennen und in unserem Herzen und unseren Sinnen spüren. Es zeugt von dem weisen Natur- und Lebensverständnis einer ganzen Landbevölkerung, vermittelt uns durch seinen bloßen Anblick das unverwechselbare Gefühl von Wärme auf der Haut, den Duft von Lavendel und würzigen Kräutern, den violetten Schatten grauer Olivenbäume, den beruhigenden Klang der Zikaden, den unvergleichlich befriedigenden Geschmack einer sonnenverwöhnten Küche. So übersetzt ein Wort, für das es keine Übersetzung gibt, das aber weltweit in der allgemeinen Vorstellung für die Geborgenheit eines unerschütterlichen Steinhauses inmitten einer unbestritten lieblich schönen und zugleich doch rauen und harten Landschaft steht, über die Jahrhunderte und die Sprach- und Ländergrenzen hinweg die Ewigkeit und Beständigkeit der malerischen Provence.



Und wer in die Welt der Mas de Provence eintauchen möchte,dem empfehlen wir die Lektüre des Romans von Marcel Pagnol: 
Die Wasser der Hügel. https://amzn.to/3RjoWBn

Oder die wunderbare Verfilmung des Buches mit Yves Montand und Daniel Auteuil. https://amzn.to/3ywhb2F