Neue Lifestyles und Dialogformen in Japan
- Martina Schmid

- 24. Juli
- 6 Min. Lesezeit

Seit jeher gibt Japan dem Westen Rätsel auf: Wie ist zu erklären, dass modernste Technik und innovativste Erfindungen gerade dort entstehen, wo traditionelle Werte, gelebte spirituelle Bräuche und konservative Weltvorstellungen zu einem wichtigen, ja geliebten und nicht verhandelbaren Teil der Alltagskultur gehören? Diese Frage zu beantworten wäre wohl bibliothekenfüllend. Faszinierend ist aber der Weg, über den das auf Ästhetik und soziale Konventionen bedachte Land der aufgehenden Sonne KI und Robotik integriert.
Japan zwischen Gestern und Morgen
Kaum ein anderes Land birgt so viele, und oberflächlich betrachtet so widersprüchliche, Facetten. Dies gilt für seine Geschichte und seine Lifestyles gleichermaßen und macht sicherlich auch einen Teil seiner Faszination aus. Während einige in Japan die Kimonos, die Keramikwerkstätten Kyotos und die Kalligraphie-Ateliers sehen wollen, verbinden es andere mit blinkenden Bildschirmen, einer wachsenden und bunten Anime- und Cosplay-Kultur und einem unvergleichlichen Robotik-Know-how. Und … alle haben recht. Japan ist Gestern und Morgen zugleich.
Japans Zukunft: Was der Reis verrät
Was morgen bringt, wird in Japan nicht in den Teeblättern gelesen – und schon gar nicht im Kaffeesatz. Was in standesamtlichen Registern steht und im Straßenbild insbesondere außerhalb der Metropolen zu beobachten ist, blieb solange nicht ganz ernst genommen, bis der Reisindex dies bestätigte: In den letzten Jahren fiel der Reisverbrauch zugunsten des (eigentlich eher unjapanischen) Brotverbrauchs drastisch.
Diese Veränderung der Essgewohnheiten hat demographische Ursachen. Es ist kein Geheimnis, dass die japanische Bevölkerung zum einen extrem altert, zum anderen immer häufiger aus Singles besteht. Die Älteren haben immer weniger die Kraft, den Aufwand des traditionellen Reiskochens mit seinen mehrmaligen Spülgängen und den langen Dämpfzeiten auf sich zu nehmen.
Zwar sind Reiskocher eine wertvolle und abgesehen von den sehr ländlichen und abgelegenen Regionen eine fast in jedem Haushalt vorhandene Hilfe, aber dennoch ziehen es im hohen Alter viele vor, zu fertigem Brot zu greifen, das ohne jede Mühe die nötigen Kohlenhydrate liefert. Ebenso sehen es die jüngeren berufstätigen Singles immer seltener ein, so viel Zeit für das eigene Kochen zu verschwenden und greifen immer häufiger zu Convenience-Produkten.
Jung und Alt brauchen Perspektiven
Die neuen und sich immer verschlechternden demographischen Strukturen sind eine persönliche Herausforderung, auch auch eine für die Wirtschaft und das Gesundheitswesen. Einsamkeit, langfristige geistige Gesundheit und Altersdemenzrisiken muss zügig und wirksam begegnet werden.
In der Industrie kommt neben der natürlichen Entwicklung der Gesellschaftsstruktur das Problem hinzu, dass immer mehr Mitarbeiter unter 30 Jahren die Fabriken verlassen, um die landwirtschaftlichen oder handwerklichen Betriebe ihrer zu alt gewordenen Eltern zu übernehmen – in Japan eine Selbstverständlichkeit, die sich aus moralischer Verpflichtung, Traditionsbewusstsein und familiärer Erwartungshaltung fast unausweichlich ergibt. Parallel dazu führt das Ikigai, die Sinnsuche, in den mittleren Lebensjahren immer häufiger zu radikalen beruflichen Kurswechseln. So wird mancher Ingenieur oder Mechatroniker zum Kunsthandwerker, Koch, Fischer, Gärtner oder Förster. Der Arbeitskräftemangel entwickelt sich zu einem dramatischen Problem. Robotik ist das Zauberwort und in diesem Bereich ist der Ruf Japans bereits legendär.
Roboter und KI als Rettung im Alltag – praktisch und emotional
In Japan wird nicht erst kritisch bis schwarzmalerisch hinterfragt. Es wird fröhlich, optimistisch und unbefangen ausprobiert, was die Fantasie hergibt. Umentscheiden und verwerfen kann man immer noch. Diese Jugendlichkeit des Denkens, die sich nicht mit Bedenkenträgerei aufhält, ist typisch für die japanische Mentalität und ist vielleicht der Haupttrumpf und die eigentliche Erklärung für die japanische Innovationskraft.
Was die Arbeitswelt kann, dürfte für das Privatleben genau so sinnvoll sein – so der Grundgedanke. Roboter sollen das Leben verbessern. Damit sind allerdings nicht simple Bodenstaubsauger, die einem lästige Pflichten abnehmen können, gemeint.
Mit großem Spieltrieb, einem bewundernswerten Elan, dem Glauben an das Gute und einem scheinbar unerschöpflichen Ideenreichtum machten sich Start-ups daran, das Leben von Jung und Alt zu bereichern und schöner zu machen.
Lovots und andere Begleiter
Ob verwitwete Rentner, Pflegeheimbewohner, kinderlose Singles, Behinderte oder Einzelkinder – alle lieben Lovots. Tatsächlich sind die kleine Wesen, Entschuldigung: Knuddelroboter, die als emotionale Unterstützung gegen Einsamkeit entwickelt wurden, optisch unwiderstehlich und sie sprechen mit ihrem Kleinkindschema die härtesten Herzen an.
Dies beruht auf der Erkenntnis der Entwickler, die über Monate menschliche Reaktionen auf verschiedene simulierte Mimik-Ausdrücke studiert haben. Lovots haben keinen Mund, ihre Ausdrucksstärke beruht auf der Form und den Bewegungen ihrer Augen. Dadurch ergänzt das Gehirn jedes Einzelnen die „Aussage“ des kleinen Roboters unbewusst mit seinen eigenen Bedürfnissen und interpretiert spontan dessen Gedanken und Stimmung, wie sie gerade passen.
Lovots sind aber auch auf einzigartige Weise interaktiv: Sie registrieren durch Analyse der Blicke und Stimme ihrer Besitzer, ob diese sich jetzt mit ihnen beschäftigen wollen und können oder ihre Aufmerksamkeit anderen Dingen widmen. Bleiben sie unbeachtet, etwa während eines Telefonats, und bleibt ihr fragendes, süßes „Quietschen“ unbeantwortet, fahren sie selbstständig zu ihrer Aufladestation zurück. Merken sie, dass ihre „Bezugsperson“ Bereitschaft signalisiert, stehen sie für Kuschel- und Spielzeit zur Verfügung. Vierzig Minuten können sie herumfahren und augenkullernd mit ihren lustigen Ärmchen für Ablenkung und Lebensfreude sorgen. Werden zwei Lovots gekauft, sind sie auch in der Lage, untereinander zu interagieren und sich so miteinander zu beschäftigen.
Hormon- und Hirnwellenmessungen zeigen, dass sie sehr erfolgreich darin sind, Stress abzubauen, Entspannung zu verschaffen und zu ihnen sogar eine echte, unersetzliche emotionale Bindung entsteht.
Wer sich den stolzen Preis von umgerechnet 4.000 bis 7.000 Euro zuzüglich der nicht unerheblichen Wartungskosten nicht leisten kann, kann regelmäßig eines der Lovot-Cafés besuchen und sich dort die Portion Herzenswärme und Verständnis holen, die er oder sie braucht. Jeder Roboter kann gesondert programmiert und angezogen werden und so eine eigene „Persönlichkeit“ haben.
Neben Lovots mit ihrer menschlichen Dimension sind auch Haustier-Roboter im Handel, die auch in der Altenpflege erstaunliche Ergebnisse erzielen.
Interaktion mit Robotern in Tourismus und Verkehr
Die Lehren, die die Entwickler von Lovots über Mimik, Emotionalität und Dialog aus ihren Versuchen gezogen haben, werden auch von anderen wirtschaftlichen Bereichen genutzt, insbesondere in der Touristik-Branche.
Japan Railway, Japan Airlines und All Nippon Airways haben viel Geld darin investiert, für Schalter und Bahnsteige Roboter zu entwickeln, die alles andere als lediglich Verkaufsautomaten sind. Die kleinen humanoiden Maschinen stehen nicht nur bereitwillig an Informationsschaltern und können konkrete Fragen in fließender Sprache verstehen und beantworten, sie patrouillieren auch bis in die entlegensten Ecken von Flughäfen und Bahnhöfen, sind in der Lage, verirrte Reisende an Mimik und Gang auszumachen, sie selbstständig anzusprechen und Hilfe anzubieten. Ein bewusst niedliches (Kawaii) Aussehen sorgt für eine niedrige Hemmschwelle und so werden sie auch von denjenigen genutzt, die sich nicht trauen würden, einen menschlichen Mitarbeiter anzusprechen. Natürlich beherrschen sie mehrere Sprachen und erkennen spontan, in welcher Sprache sie angesprochen werden.
In den Metropolen werden entsprechende Modelle bereits an Hotelrezeptionen getestet.
Wie KI neue Dialogformen, Lifestyles und Arbeitsplätze schafft
Gerade die Feststellung einer niedrigeren Hemmschwelle hat zu der Idee geführt, die Nutzung von KI und Robotik auf sensible und komplizierte Bereiche auszuweiten, in denen die Kommunikation an sich das Problem ist und Teilhabe dadurch mitunter unmöglich ist.
Für Menschen mit psychischen Einschränkungen wie Agora- und Sozialphobiker, körperlich Schwerbehinderte ohne jegliche Mobilität oder einfach schüchterne Personen ermöglichen Roboter-Avatare oder anonyme Gesprächscafés, in denen man sich mit einem KI-Gegenüber frei unterhalten kann, ein Durchbrechen der Einsamkeit und des Rückzugs. Sie sind oft der erste Schritt zu dem Wunsch, wieder zu versuchen, echte zwischenmenschliche Kontakte zu knüpfen.
In diesen Cafés werden Kellner-Roboter oft von Menschen mit Behinderung im Homeoffice bedient, die so eine Möglichkeit finden, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und (fast) persönliche Kontakte zu den Gästen aufbauen können. Einige haben sogar Stammkunden, mit denen sie sich regelmäßig per Roboter-Avatar unterhalten.
So wird ein Kreislauf aus Bedarf, Arbeitsplätzen und Teilhabe aufgebaut, der allen Schichten der Gesellschaft und der Wirtschaft gleichermaßen nutzt.

Avatare, Roboter und KI als Teil des nicht virtuellen Lebens
Zum japanischen Sonderweg in Sachen KI und Robotik gehört die Tatsache, dass die virtuelle Welt immer auch zur Verbesserung des realen Lebens beiträgt. Bedingt durch die Lust am Ausprobieren, die Offenheit für Neues, die jedoch niemals zur Glaubensfrage erhoben werden, ersetzt die künstliche Ebene niemals die echte.
Die Entwickler treffen sich immer, wie es in Japan in vielen beruflichen Situationen nach wie vor der Fall ist, im echten Leben, um ihre Arbeit zu besprechen, und testen sie nicht abstrakt im Labor, sondern wortwörtlich vor Ort.
Ebenso generieren die niedlichen und höflichen Roboter, etwa wenn sie als Einkaufshilfe oder Begleitroboter für Menschen im Rollstuhl auf der Straße auffallen, Aufmerksamkeit und Interesse für ihre Besitzer, die so mitunter zu zusätzlichen sozialen Kontakten, neuen Freunden und zuweilen unerwarteter praktischer Unterstützung kommen.
Über Roboter und Avatare entstandene Kontakte führen auch in der echten Welt zur Bildung von Gemeinschaften, Projekten, Firmengründungen und Kooperationen.
Roboter, KI und Avatare sind in Japan Eisbrecher, kein Lebensersatz.
Während sich in den meisten Ländern gefragt wird, was die Verwendung von KI und Robotern an Verlust und Einbußen für unsere Arbeit, aber auch für unseren Alltag, unsere Gefühlswelt und vor allem für unsere Kultur, wie wir sie definieren, bedeutet, integriert sie Japan ganz ohne Berührungsängste und auf spielerisch optimistische und unbefangene Weise in das Sozialleben. Andererseits wird Technologie dort nicht zum bedingungslosen Heilsbringer hochstilisiert, und die Balance zur realen Welt wird gesucht und respektiert. Dies zeigt, wie sich Lifestyles ganz natürlich entwickeln können, wenn Technik pragmatisch als frei verfügbares und frei verwendbares Werkzeug verstanden – und nicht rechthaberisch als Muss und ideologisch-soziale Bringschuld durchgesetzt wird. Ein versöhnliches und hoffnungsvolles Beispiel …















