Studio
- Martina Schmid

- vor 2 Stunden
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Wörter entlarven. Sie sind das Spiegelbild ihrer Zeit, aber auch des Ortes und der gesellschaftlichen Situation, in denen sie verwendet werden. Gerade deshalb ist ihre Geschichte oft eine Aussage über den Lifestyle der Epoche, in der sie entstanden oder übernommen wurden. Für den Begriff „Studio“, der heute die Schaffensstatt von Kreativen bezeichnet, gilt dies in besonderer Weise, denn der Weg, den er von seinem Ursprung bis in den heutigen deutschsprachigen Alltag zurücklegte, verrät viel über unsere Art, zu denken, zu bewerten und zu leben.
Studio – erst ein Ort des Studiums
Im Mittelalter war das Wort „studio“ an Eindeutigkeit nicht zu überbieten. Es war in der italienischen Volkssprache der Raum, in dem Gelehrte ihrer Beschäftigung nachgingen: Mathematik, Astronomie, Philosophie, dem Lesen und Deuten antiker Schriften hauptsächlich, einer also eher anstrengenden Arbeit, die, wie das lateinische studium es bereits impliziert, Interesse, Engagement, Eifer, Anstrengungen und Mühen voraussetzte. Mit dem Humanismus und der ersten Blütezeit der großen italienischen Universitäten wurde diese Bedeutung in der breiten Bevölkerung auf Universitätsräume und das Studium allgemein übertragen, allerdings blieb dies eine rein italienische Angelegenheit. Anderorts in Europa war zu diesem Zeitpunkt von „chambres de savants“ oder „Studierraum“ die Rede.

Sprache ändert sich … aber nicht immer schnell
Mit der Renaissance, dem Humanismus und der zunehmenden Wichtigkeit bildender Kunst änderte sich an diesem Sinngehaltsspektrum tatsächlich wenig. Die Vorstellung trennte streng zwischen intellektueller Arbeit einerseits, die im „studio“ oder – war dieses auf Wunsch eines Fürsten, der seinen speziellen Interessen zu frönen gedachte, als Bibliothek und Ort der Begegnung und des Austauschs mit Gelehrten in einem Palazzo eingerichtet, dem „studiolo“ – stattfand, und den handwerklichen Fertigkeiten eines Malers oder Bildhauers andererseits, die sich in der „bottega“ frei entwickeln konnten.
Auch in den anderen Ländern Europas blieb diese Unterscheidung erhalten: Im deutschen Sprachraum standen für den Arbeitsplatz von bildenden Künstlern verschiedene Begriffe, die sich an Texten zur Zeit Dürers gut ablesen lassen: das „Werkhaus“ oder „Haus des Meisters“ war nicht der Platz, an dem die eruditio vorangetrieben wurde, sondern ein Raum, in dem eine Handarbeit verrichtet wurde, die in erster Linie, so das damalige Verständnis, technische und motorische Fertigkeiten erforderten.
Begriffsverschiebung durch die Anerkennung der Kunst als kreatives Werk
Erst im 17. und 18. Jahrhundert verändert sich die Verwendung des Studios im italienischen Raum in dem Maße, in dem Künstler zunehmend als Schöpfer bzw. Genies und nicht mehr nur als Handwerker betrachtet werden. Die Rezeption der Renaissance im Barock und den Folgeepochen führt dazu, dass die Aufgabe der Kunst als originelle Interpretation eines Themas und die Einzigartigkeit und Wiedererkennbarkeit der Künstler das Verständnis ihrer Arbeit und ihr Ansehen erheblich steigerte. Die Vorarbeit, die sie in die Auswahl der Motive und in die Planung und Gestaltung investierten, ihre umfangreiche Bildung und die Sensibilität ihres Umgangs mit ihren Themen gelangten immer mehr ins Bewusstsein, so dass von nun an immer häufiger die Bezeichnung „studio d’artista“ auftritt.International setzt sich diese Denkweise allerdings nicht durch. Kunst bleibt ein Handwerk, und so kennt das Französische weiterhin nur das Wort „atelier“, das sich genauso gut auf die Werkstatt eines Pflugschmieds oder eines Zimmermanns beziehen könnte. Während im Deutschen in der höheren Bildungsschicht, in der Französisch zur Modesprache wird, selbstverständlich von „atelier“ gesprochen wird, bleibt, und dies sollte für lange Zeit der Fall sein, die Maler- oder Bildhauerwerkstatt im allgemeinen Sprachgebrauch erhalten.
19. Jahrhundert: Der englische Sprachraum steht plötzlich allein da
Die Bewusstwerdung, die Italien in der Spätrenaissance und im Barock erlebte und dazu führte, dass Maler und Bildhauer auch als intellektuelle Schöpfer und Genies betrachtet werden, erreichte Großbritannien erst spät: „Workshop“ und „painting room“ wurden erst im späten 19. Jahrhundert elegant zu „studio“ umbenannt – über zwei Jahrhunderte, nachdem auch Holland diese Bezeichnung allgemein übernommen hatte.

„Atelier“ wird schick und bleibt … zumindest ein wenig
Mit dem 20. Jahrhundert wird die Pariser Szene zur europaweit bewunderten und nachahmungswürdigen Triebkraft künstlerischen Schaffens. Die École de Paris, die Vorreiter der Moderne, Fauvisten, Kubisten, Surrealisten machen aus Frankreich das Land der Kunst schlechthin, zu dem alle Welt blickt und reist. Diese unwiderstehliche Aura erzeugt ihren eigenen Jargon: Von „Atelier“ zu sprechen und damit sein Kunstverständnis zu demonstrieren, wird in Deutschland in breiten Schichten der Bevölkerung schick. Jeder, der sich erfolgreich als belesen profilieren will, wirft mit dem Begriff nur so um sich. Spuren dieses Überschwangs schreiben sich dauerhaft in die Kunstgeschichte ein, die heute noch ganz selbstverständlich den Arbeitsraum eines Künstlers so bezeichnet.
Parallel dazu werden andere künstlerische Stätten der sog. 7. Kunst und des Musikbetriebs „Studios“ genannt, was eine qualitativ gewollte Abgrenzung schafft.
Globalisierte Kommunikation und Modernität
Gerade dies wurde dem Wort „Atelier“ in den letzten Jahren allerdings zum Verhängnis. Was den Geisteswissenschaften recht ist, wirkt auf manche auch allzu theoretisch, akademisch, elitär und verstaubt. Der Siegeszug des Englischen in den Medien, namentlich in der Presse und den Social Media, und die Internationalisierung, sprich: Anglisierung der Netzwerke, die auch Künstler für sich nutzen und in denen sie untereinander kommunizieren, trug zu dieser Entwicklung bei.
Übersetzt werden Pressemeldungen etwa immer seltener durch kundige Übersetzer, sondern durch die Journalisten selbst, die aufgrund der breiten Palette an Themen, über die sie schreiben müssen, und des Zeitdrucks der ihnen auferlegt wird, „False Friends“ nicht immer erkennen und widerstehen können, oder automatisiert durch Übersetzungssoftware, die die Richtigkeit von branchenspezifischen Begriffen erst recht reichlich wenig interessiert.
So wurde das „Atelier“ durch wörtliche Übernahme aus dem Englischen zum „Studio“. Zeitgenössische deutsche Künstler wiederum stehen dem neuen Begriff durchaus offen gegenüber: Er impliziert durch die Verbindung mit Ausdrücken wie „Tonstudio“, „Fotostudio“ oder „Filmstudio“ eine technische Seite, die den projektbasierten und oft computergestützten Formen der heutigen Kunst entspricht. Zudem führt er weg vom romantisierenden Mythos des weltfremden Genies hin zu einer realistischen und dynamischeren Professionalität, die die neue Künstlergeneration für sich in Anspruch nimmt.
Die zufällige Lösung eines Imageproblems
Kunst hat es im deutschen Sprachraum nicht leicht. Ihre Akzeptanz wurde in der Geschichte immer wieder in Frage gestellt: ob durch das Bild des hungernden Künstlers, der sich dem Bürgerlichen und damit seinen gesellschaftlichen Pflichten und seiner Verantwortung vermeintlich mutwillig entzieht; durch den Vormarsch des Utilitarismus‘, der im letzten Jahrzehnt aufgrund der Veränderungen der Wirtschaftslage und des Arbeitsmarktes einen zentralen Platz in unserem heutigen Wertekonzept eingenommen hat; oder schließlich in jüngerer Zeit durch den Eingriff der KI in der Kunstproduktion, die deren Sinn und Fortleben grundsätzlich hinterfragt. Die Verschiebung der Bezeichnung des kreativen Raums vom Atelier zum Studio ist rückblickend ein Beispiel dafür, wie Wechselfälle der Sprachgeschichte unbewusst zu angewandtem Marketing führen können: Sie schenkt einer Branche, die es seit jeher schwer hatte, sich als lebendig und gesellschaftsrelevant zu positionieren, ein zeitgemäßeres, bodenständigeres und zugänglicheres Image.
Das Bild, das „Studio“ in unserer Vorstellung generiert, ist ein ganz anderes als das, was wir mit Cézannes, Rodins oder Giacomettis Atelier verbinden. Sprache ist Kultur, Lebensart und Zeitgeist und die schleichende Übernahme des Wortes „Studio“ in einem klassischen Kunstkontext zeigt deutlich, wie solche Entwicklungen gleichzeitig von neuen Konzepten geprägt und angestoßen werden und wiederum unsere Art zu denken verändert.
WUSSTEN SIE, …dass im Französischen „studio“ ausschließlich ein 1-Zimmer-Apartment bezeichnet? Während 1-Zimmer-Wohnungen bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts entweder als „chambre de bonne“, also „Dienstmädchenwohnung“ oder „Garçonnière“ – demnach „Junggesellenwohnungen“, die tatsächlich von männlichen Junggesellen bewohnt wurden, die aus der Provinz in die Großstädte kamen, um dort Arbeit zu finden, bekannt waren, oder aber als Liebesnest für außereheliche Eskapaden dienten –, kam der Begriff „studio“ auf, als in Paris die Zahl der Studenten beider Geschlechter immer größer wurde und diese Wohnungen von nun an weniger Arbeiter und kleine Büroangestellte beherbergten und sich eine andere Mieterschaft fand. Hier ist also der Zusammenhang mit den Anstrengungen des Studiums sprachlich noch immer gegeben, wenn dies auch der breiten Bevölkerung kaum noch bewusst ist.



