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Glück und Pech – kulturelle Varianten



Glücksklee

 

Der Glaube, dass  bestimmte Mächte Leben und Schicksal beeinflussen und Glück und Pech durch Handlungen, Verhalten oder bestimmte Gegenstände gesteuert werden können, ist so alt wie die Menschheit selbst. Die Grenze zwischen Religion und Brauchtum ist hier zuweilen fließend und selbst der Wissenschaft fällt es nicht immer leicht, sie zweifelsfrei zu bestimmen. Amulette, wie sie etwa von Archäologen in Ninive gefunden wurden, sind nicht eindeutig dem einen oder dem anderen zuzuordnen. Auch in der heutigen westlichen Kultur sind solche Bereiche durchlässig: Historisch ist kaum nachzuweisen, ob die 13, die für viele als Unglückszahl gilt, deshalb diesen schlechten Ruf hat, wie oft behauptet wird, weil in der Bibel 13 Personen am Abendmahl teilnahmen, oder ob im Gegenteil die Evangelien sich bei der Wahl dieser Zahl von einem noch älteren Aberglauben inspirieren ließen. 

 

Angst und Hoffnung: international und zeitlos


Bereits in der Vorgeschichte, so zeigen es Höhlenmalereien und Grabungsfunde in allen Teilen der Welt, versuchen die Menschen, Unheil abzuwenden und die Verbesserung ihrer Lebensumstände aktiv herbeizuführen: Gegen furchteinflößende Naturphänomene  wie Blitz und Donner wird Schmuck getragen, als gutes Omen für die Mammutjagd werden Rituale ausgeführt. Als Stämme sesshaft werden und damit beginnen, Landwirtschaft zu betreiben, gelten letztere dann einer reichen Ernte und der Erhaltung der Gesundheit des Viehs.Bildung, Aufklärung und moderne Zeiten haben daran nicht wirklich etwas geändert: In Japan geht die jährliche Einsetzung der Reis-Sämlinge mit aufwendigen shintoistischen Zeremonien einher, in Frankreich wird am 2. Februar in der Hoffnung auf stabile finanzielle Verhältnisse die Crêpe-Pfanne geschwungen, in zahlreichen  katholischen Ländern wird bei einer Hauseinweihung oder Firmengründung die Kirche um Segnung gebeten, Prüflinge von Alaska bis Afrika tragen ein bestimmtes Kleidungsstück, Sportler ergehen sich unabhängig von ihrer Herkunft vor einem Wettbewerb in mitunter skurrilen Ritualen.

Grundsätzlich gilt: Der Platz, den Traditionen in einer Gesellschaft innehaben, bestimmt zu einem Großteil die Vielfalt und den Einfallsreichtum der gebotenen Möglichkeiten. Die Mittel und Wege, die das Schicksal positiv lenken sollen, können allerdings je nach Erdteil, Land oder auch Region eine sehr unterschiedliche Übersetzung haben.

 


Japanische Glückskatze aus Porzellan
Glückskatze – Foto Charlie Firth @unsplash.com

Talismane und Rituale – die besondere Glückskultur Japans


Talismane können zwei Funktionen übernehmen: das Pech fernhalten oder das Glück zu sich rufen, und es gibt sie in unzähligen Formen. In der westlichen Kultur sind Hufeisen und vierblättriges Kleeblatt als Glücksbringer verbreitet, in Nordamerika ist die Hasenpfote ein Muss.


Die Geschichte Japans ist in vielerlei Hinsicht die Geschichte einer langen Reihe von Katastrophen: Erdbeben, Kriege, Großbrände, Epidemien, nukleare Vorfälle … Die Liste ist so eindrucksvoll wie erschreckend. Umso mehr versucht das Land, dem Schicksal entgegenzutreten, was durch die Dominanz des shintoistischen und buddhistischen Glaubens und einer besonderen Achtung vor Traditionen noch begünstigt wird.




Tägliche Gebete vor Hausaltären, ob zu den Ahnen oder einer bestimmten Gottheit, gehören zum normalen Leben. Auch in Unternehmen wird morgens vor einem eigenen kleinen Altar gebetet und es werden für ein sicheres und unfallfreies Arbeiten sowie glückliche Geschäfte Opfergaben dargebracht. Zudem ist der Kalender voll mit Festen und Ritualen, bei denen Geister und Götter um Schutz gebeten und Dämonen vertrieben werden sollen. Auch Dankbarkeitszeremonien sind im privaten und öffentlichen Leben ein Weg, sich die Gunst der Götter zu sichern.

Japan ist zudem das Land der Talismane überhaupt. Gegen einen Obolus sind vor Tempeln o-mamori zu erwerben: Es handelt sich um kleine bestickte Stoffbeutel, die überall mitgeführt werden können und einen Papierstreifen mit einem kalligraphierten Schutzzeichen enthalten. Das Säckchen darf nicht geöffnet werden und verliert nach einem Jahr oder spätestens an Neujahr seine Wirkung und wird dann verbrannt. Gesundheit, Liebe, Erfolg, Kinderwunsch, das Bestehen einer Prüfung, unfallfreies Autofahren … es gibt keine Lebenslage, für die es keinen passenden o-mamori gäbe.

Besondere Talismane gelten aber auch Häusern. Dämonenfiguren an Dachgiebeln sollen böse Geister und Unglück fernhalten; lange, mit Schutzgebeten beschrifteten Papierstreifen, ofuda, die an Tempeln und Schreinen jährlich an bestimmten Feiertagen erworben werden können, werden in privaten und gewerblichen Küchen gleichermaßen aufgehängt, um das Haus vor Brand zu schützen.

Natürlich darf die berühmte Glückskatze maneki neko nicht vergessen werden, die im Schaufenster von Geschäften freundlich winkend Kunden und Wohlstand herbeilocken soll. Ist diese auch in China und Thailand anzutreffen, so handelt es sich ursprünglich um einen japanischen Glücksbringer.



Jeder Schrein, jeder Tempel verteilt eine Fülle allgemeiner Glücksbringer und Segenswünsche, aber einige haben sich auch auf bestimmte Bereiche spezialisiert und haben sich einen entsprechenden Ruf erworben. Wenn also ein Talisman mit ganz besonderen Eigenschaften gewünscht wird, sind die Japaner gern dazu bereit, Tausende von Kilometern zu reisen, um an einem bestimmten Ort den wirksamsten Zauber abzuholen. Dazu kommen noch die nicht religiösen Talismane, etwa die kugelrunden roten daruma aus Pappmaché, oder regionale Varianten, wie die akabeko, nickende Kühe aus der Provinz um Fukushima, die ursprünglich nur ein Spielzeug waren und erst spät zum Glücksbringer avancierten.



Daruma Glücksbringer
Glücksbringer in Japan: Daruma


Die Tierwelt als Glücks- und Pechbringer: Biodiversität mal anders


Bereits in der Antike wurden Natur und Schicksal in der Vorstellung der Menschen miteinander verbunden. Die Römer deuteten den Vogelflug, im Alten Ägypten war der Mistkäfer ein Glücksbringer, wir schätzen den Marienkäfer. Welche Tiere und Pflanzen positiv und negativ bewertet werden, hängt in einem hohen Maße von dem ab, was im jeweiligen Land vor der Industrialisierung wichtig war. So überrascht es nicht, wenn in vielen südamerikanischen Ländern die Tonkabohne oder in Peru das Lama als Glücksbringer gelten. Etwas verwunderlicher sind andere Formen des Aberglaubens.




 


Elster: Italien, England  und Frankreich sind sich nicht einig


In England und Italien ist die Begegnung mit einer einsamen Elster kritisch. Dort heißt es, dass Elstern immer paarweise auftreten, eine einzige Elster ist also etwas Unnatürliches, das Pech für den ganzen Tag bringt. Während man sich in Italien mit dieser Tatsache abfindet, weiß der Engländer sich zu schützen. Es heißt, die Elster mit der Formel „Good morning Mister Magpie. How is your lady wife today?“ höflich zu grüßen und vorsichtshalber hinzuzufügen: „One for sorrow, two for joy!“. So wird der böse Zauber gebrochen.


Franzosen wiederum sehen die Dinge genau umgekehrt: „Une pie, bonheur ; deux pies malheur ; trois pies, mariage“ heißt es dort.


Schwein gehabt! Typisch deutsch?


In germanischen Ländern stand das Schwein, mitunter das Wildschwein, allgemein für eine ausreichende Versorgung. Dies galt allerdings in großen Teilen Europas ebenso, und dennoch ist die Verbindung zwischen Schwein und Glück in anderen Ländern weder sprachlich noch im Brauchtum gegeben. Tatsächlich liegt der Ursprung des Urvertrauens, das etwa in dem Bild des rosafarbenen Marzipanschweinchens zu Neujahr seinen Ausdruck findet, ganz woanders, nämlich … im Mittelalter. Wenn auf Marktplätzen oder anlässlich von Festen Turniere oder Spiele veranstaltet wurden, bekam der Verlierer, um ihn zu verhöhnen, ein Milchferkel. Doch sein vermeintliches Pech verkehrte sich natürlich schnell in Glück, denn aus dem Milchferkel wurde schnell und ohne Mühe ein Schwein, aus dem sich Profit durch Verkauf ziehen ließ oder das schlicht zusätzliche Nahrung sicherte. Eine andere Version dieser Vorstellung findet sich in vielen anderen Ländern wieder: Auch wenn das Schwein dort nicht als Glücksbringer im eigentlichen Sinn gilt, nicht auf Grußkarten erscheint und nicht als Gegenstand verschenkt wird, wird es auch in Asien mit unternehmerischem Erfolg assoziiert. Daher auch kommt das Sparschwein, das in China im 13. Jahrhundert erfunden wurde.

 



Wo Zahlen Glück und Pech bringen


Zwischen Ost …

Es ist bekannt, dass in China Zahlen und der Glaube an ihre Macht eine große Bedeutung haben. Während die 4 als verflucht und schlimmstenfalls todbringend gilt, wird in allen Lebenslagen die Nähe der 8 gesucht: Für Handy-, Büro-, Hotelzimmernummern oder Autokennzeichen mit dieser Endzahl sind Chinesen bereit, einen deutlichen Aufpreis zu zahlen. Verträge und Hochzeiten werden besonders gern an einem 8., 18., oder 28. geschlossen, manche Geburten werden medizinisch dahingehend gesteuert, dass das Kind an einem entsprechenden Tag zur Welt kommt. Wichtige Termine werden um 8:08 vereinbart. Tatsächlich beruht dies nicht, wie oft behauptet wird, auf der Ähnlichkeit der Form der arabischen Zahl mit dem mathematischen Zeichen für Unendlichkeit und Ewigkeit, sondern auf einer linguistischen Zufälligkeit. 4 heißt im Chinesischen si, was wie  klingt, das Wort für Tod, während die 8, , akustisch dem Wort für Wohlstand ähnelt. In Japan wiederum ist die 9, kyû, eine unheilvolle Zahl, wird mit ku, Leid, in Verbindung gesetzt.


… und West

Wer denkt, dass in Europa die Vorstellung von Glücks- und Pechzahlen durch einen gemeinsamen kulturellen Hintergrund einheitlich ist, der irrt.

Italien hat hier in zweifacher Hinsicht eine Sonderstellung: Hier gilt die 13 als Glückszahl, während die 17 gemieden wird. Dies ist auf einem antiken Glauben zurückzuführen, der auf der römischen Schreibweise XVII beruht, die sich zu VIXI, ich habe gelebt (= ich bin tot) umstellen lässt.

In Brasilien gilt die Angst vor der 17 auch, wenn auch aus anderen Gründen: Schreibt man die 1 ein wenig zu klein oder etwas tiefer als die 7, so ähnelt sie, heißt es, einem Galgen mit einem Gehängten.

Solche Zusammenhänge  wären in Frankreich ganz und gar unvorstellbar, wo Lotterielose mit der Endzahl 7 besonders begehrt sind. Auch wenn befragte Franzosen nicht konkret benennen können, warum sie die 7 als Glücksbringer auffassen, gehen Anthropologen und Kulturwissenschaftler davon aus, dass dies mit dem in Frankreich besonders lebendigen kulturellen Bewusstsein zu tun hat, und unbewusst die Tatsache reflektiert wird, dass in den meisten Religionen von der Antike bis heute die 7 als heilige Zahl betrachtet wird: Gott hat die Erde in 7 Tagen erschaffen, der menschliche Körper hat laut dem Hinduismus 7 Energiequellen, muslimische Pilger schreiten in Mekka 7 Mal um den schwarzen Kubus der Kaaba, es gibt 7 Weltwunder ... Die Liste wäre noch lang.

 

 

Eine kleine Anekdote: wie „viel Glück“ übersetzt wird


Im Theater ist es unerlässlich, dass alles gut klappt, damit eine Vorstellung reibungslos abläuft. Ist dies in unseren Tagen eine Sache der Professionalität, so war es nicht immer so: Bühnenunfälle waren eher die Regel als die Ausnahme, unzufriedene Zuschauer nicht selten. Um sich das Glück zu sichern, wurden Wunschäußerungen und Rituale gepflegt, die heute Teil des normalen Sprachgebrauchs geworden sind.

In Deutschland glaubte man, dass die drei Schläge, die den Beginn der Vorstellung ankündigen, dabei von entscheidender Bedeutung seien. Aus ihnen wurde „toi, toi, toi“, das wir gern Prüflingen oder Menschen vor einer schwierigen Aufgabe mit auf den Weg geben, oder auch „Klopf auf Holz“.

In Frankreich bedient man sich dazu des äußerst unfeinen Wortes „merde“. Dies ist eine Anspielung auf die Zeit der Pferdekutschen: War der Boden vor dem Theater kurz vor dem ersten Vorhang hoch mit Pferdemist bedeckt, so wusste man, dass  die Vorstellung ausverkauft und damit das Einkommen der Schauspieler gesichert war.

 

 

Neben menschheitsübergreifenden oder wiederum sehr individuellen Glauben und Verhaltensweisen hat jede Kultur ihre eigenen Vorstellungen, Praktiken und Gegenstände, mit denen das Glück herbeigezaubert und das Pech zuverlässig ferngehalten werden soll. Zu sagen, dass darüber Bibliotheken gefüllt werden könnten, ist nicht bloß eine Redensart: Tatsächlich gibt es zu diesen Themen spezialisierte Buchhandlungen, die sich eines reißenden Absatzes erfreuen, und Aberglaube beschäftigt in der akademischen Welt gleichermaßen Theologen, Anthropologen, Ethnologen, Kulturwissenschaftler, Archäologen, Historiker, Soziologen, Psychologen und Literaturwissenschaftler. Auch wenn wir hier nur einen sehr unvollständigen Abriss bieten konnten, so verabschieden wir uns jedoch ganz stilecht mit einem fröhlichen

Viel Glück!



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