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Limoger Email – aus Feuer geboren


Emailschrein aus Limoges


Der kleine Ort, der sich am Fuß des Zentralmassivs um das Flüsschen Vienne erstreckt, ist bis auf einen durchaus malerischen, jedoch übersichtlichen mittelalterlichen Stadtkern auf den ersten Blick wenig reizvoll: Er ist in einer ländlichen, fast verlassenen Region gelegen, die Bevölkerungszahlen, die in den 1970-er Jahren stolze 175.000 Einwohner betrugen und nunmehr gerade mal 130.000 erreichen – Tendenz fallend –, sprechen nicht unbedingt für Attraktivität. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, und die wenigen Industrien, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts dort angesiedelt waren, sind größtenteils verschwunden. Und doch wurde die Stadt Limoges im Mittelalter weltberühmt und ist es bis heute geblieben. Dies verdankt sie dem, was im Französischen als „Arts du feu“ bezeichnet wird, aus dem Feuer geborener Kunst. Damit ist nicht etwa die fröhliche Herstellung von Feuerwerkskörpern gemeint, sondern in erster Linie unter anderem feinstes Porzellan, das weltweit zum festen Begriff wurde. Der breiten Masse weniger bekannt, für Kenner jedoch von hohem Sammelwert ist ein weiteres Erzeugnis dieser Art: Limoger Email.



Julius Caesar auf Limoger Email Teller



Glück und Können – das Mittelalter Im 12. und im 13. Jahrhundert spielt sakrale Kunst europaweit eine vorherrschende Rolle. Aufwändig verzierte Gegenstände aus Edelmetallen, vornehmlich Gold und Silber, etwa Reliquienschreine, Kreuze, Altarbilder und auch, nachdem ein Erlass des Vierten Laterankonzils 1215 die Verwendung von Email für vasa sacra erlaubt hatte; Kelche und andere liturgische Geräte werden von Kirchen und Klöstern in großen Mengen in Auftrag gegeben. Was heute eine eher unaufregende Stadt mitten im Nirgendwo ist, nutzt in jener Zeit eine einmalig günstige Konstellation: Umfangreiche Vorkommen an Kupfer, Gold und Metalloxiden, unzählige Wasserquellen, aus denen das (damals wie heute) weichste und reinste Wasser Europas fließt, dichte und scheinbar endlose Wälder als Holzlieferant für die Befeuerung von Brennöfen und eine ideale Verkehrslage am Knotenpunkt vieler Handelswege seit der römischen Antike machten die Stadt zu einem kunsthandwerklichen Eldorado, das sich bald dank der unvergleichlichen Fertigkeiten seiner „émailleurs“ der Gunst namhafter Mäzene erfreute. Heute noch werden Gegenstände aus dieser Zeit in vielen kirchlichen Schatzkammern in ganz Europa und in Museen und Privatsammlungen weltweit sorgfältig aufbewahrt. Trotz der damals schon überschaubaren Größe der Stadt wird die Produktion aus diesen beiden Jahrhunderten auf 150.000 Stücke geschätzt.




Limoge-Email


Leuchtende schimmernde Farben und eine einzigartige Technik Wer sich mit der Technik und dem Ursprung des Email-Kunsthandwerks befasst, sieht sich mit Begriffen konfrontiert, für die die französische Sprache maßgeblich bleibt. Im Mittelalter werden Oxide, die die Grundlage der Email-Herstellung darstellen, in Vertiefungen eingelassen, die in den Metallgrund getrieben werden. Neben diesem Champlevé genannte Verfahren, das eine leicht erhabene Oberfläche ergibt, ist auch das Cloisonné verbreitet, das zeitlich einen wesentlich längeren Einfluss auf die Email-Kunst haben sollte: Hier werden die Oxide wie im Glasfluss in kleine zuvor geschmiedete Abteilungen eingelegt, die die Vermischung der Farbtöne verhindern sollen. Auch wenn in neuerer Zeit Übersetzungen versucht wurden (etwa Grubenschmelz für „Champlevé“ und Zellenschmelz für „Cloisonné“ im Deutschen), so sind sie lediglich als Notbehelf zu betrachten. Connaisseurs und Kunsthistoriker verwenden übereinstimmend die französische Terminologie.

Historisch und technisch: jenseits von Höhen und Tiefen Mit der Renaissance entwickelten die Limoger Kunsthandwerker eine neue Technik: Oxide und Pigmente wurden nicht mehr in die Metallplatte, die inzwischen immer häufiger aus Kupfer bestand, eingelassen, sondern wie Malfarbe, wenn auch weiterhin in Pulverform, aufgetragen. Damit sich das dünne Kupferblech während des Brennvorgangs nicht verzog, wurden beide Seiten emailliert. Dieses weniger komplizierte Verfahren ermöglichte eine Demokratisierung der Email-Kunst, die nun nicht mehr nur dem Klerus und der höfischen Gesellschaft, sondern nach und nach auch dem gehobenen Bürgertum zugänglich wurde, hatte zugleich allerdings einen Absturz der erzielbaren Preise zur Folge, was das Überleben der ganzen Zunft in Frage stellte, zumal das Murano-Glas und Majolika immer mehr in Mode kamen. Außerdem waren Email-Arbeiten dieser Art im deutschen Sprachraum insbesondere weniger beliebt und der Export brach größtenteils ein. Waren die deutschen Lande bis dahin der größte Abnehmer außerhalb Frankreichs gewesen, so verblieb lediglich England als Zielmarkt. Im Laufe der Jahrhunderte kam die Email-Nachfrage und somit die Limoger Produktion mehrmals zum Erliegen und wurde immer wieder neu belebt. Nach der französischen Revolution verschwand das Handwerk, das als Luxusgut verschrien war, dann völlig.



Vasen aus Limoge


Neue Wege und Zielgruppen Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts bzw. zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam die Limoger Email-Kunst wieder zur vollen Blüte. In allen Vierteln der Stadt waren kleine und große Ateliers zu finden, deren Namen in aller Munde waren und deren Erfolg eine Diversifizierung der Produktion mit sich brachte. Schmuck, Vasen, Schalen mit Farbverläufen und abstrakten Mustern, aber auch Reproduktionen berühmter Gemälde oder eigene Landschafts- und Blumenbilder entstanden in großer Zahl und führten zu einem Lokalpatriotismus, der eine emotional heilsame Antwort auf den Niedergang anderer Industrien und Handwerke wie etwa der Lederverarbeitung und der Fassmacherei bot. Die Signatur und das Ansehen der jeweiligen Werkstatt trugen zu einem Großteil zum Wert der Stücke bei. Inzwischen war Kupfer jedoch teurer geworden, und dementsprechend kostspielig waren auch diese Erzeugnisse. Zudem wird jede Farbgruppe einzeln gebrannt, was einen erheblichen Zeit- und Heizaufwand bedeutet. Viele Ateliers versuchten, eine „Abkürzung“ zu nehmen und als Malgrund Porzellan zu verwenden. Limoger und Kenner sind sich allerdings darüber einig, dass die so erstellten Objekte in keiner Weise den Glanz und die Farbtiefe des echten Limoger Emails auf Kupfer haben und deshalb diese Bezeichnung eigentlich gar nicht erst tragen dürften. Tatsächlich ist der Unterschied selbst für das nur durchschnittlich geschulte Auge mühelos zu erkennen. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts verlor dieses Handwerk durch diese Vermischung von echtem und „Billig“-Email für Käufer an Reiz, und die lang tradierten Motive sprachen den zeitgenössischen Geschmack nicht mehr an, zu bieder, altmodisch, ja kitschig muteten sie an. Nachdem viele Werkstätten aus Altersgründen ohne Nachfolger schließen mussten, drohte das Limoger Email erneut zu verschwinden. Wie oft in der Entwicklung von Kunsthandwerk aber nimmt sich zurzeit eine neue Generation der Tradition an und überführt sie in die Zukunft, indem sie die altherbrachten Techniken in die Bildsprache der Gegenwart übersetzt. Das Email-Handwerk wendet sich nicht mehr nur dem privaten Liebhaber zu, sondern wird Teil der Architektur, Innenarchitektur und der Kunst und findet so neue Ansprechpartner. Künstler aus anderen Regionen lassen sich in Limoges ausbilden und eröffnen in ganz Europa ihre Ateliers.




Schale aus Limoge Email



Limoger Email besitzt seit dem Mittelalter und trotz verschiedenster Wechselfälle der Geschichte und der Moden eine ungebrochene Wiedererkennbarkeit und ist unter Sammlern und Liebhabern edler Erzeugnisse äußerst begehrt. Es zeugt nicht zuletzt von der Leidenschaft einer Stadt für das gehobene Kunsthandwerk und ein Wissen, das dort noch immer weitergegeben wird. Nach berühmten Émailleurs sind Straßen, Schulen, Gymnasien, Plätze und Parks benannt, und Limoges ist stolz darauf, von der Unesco als „Creative City“ aufgeführt zu werden. Die Bestätigung des Limoger Emails als immaterielles französisches Kulturerbe 2020 weckt neue Ambitionen: Die Aufnahme als Weltkulturerbe der Unesco ist nun beantragt. Bei Auktionen jedenfalls erzielen Stücke aller Art und aller Epochen nach wie vor Höchstpreise, was Fälschern durchaus einen gewissen Anreiz bietet.





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