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Was an Weihnachten nicht fehlen darf Teil 2

Ein Streifzug durch Weihnachtstraditionen in aller Welt


Weihnachtsessen


Dinge ändern sich, das bringt das Leben auf ganz natürliche Weise mit sich. Kinder werden erwachsen, Menschen gehen in Rente, neue Technologien werden entwickelt, die Gesellschaft entdeckt neue Prioritäten und Interessen … Die Liste ließe sich endlos fortführen. In diesem permanenten Wandel ist Beständigkeit mitunter etwas Zerbrechliches, und nicht jedem fällt es leicht, in diesem Strudel Halt zu finden. Alltagsroutinen können dazu beitragen, aber vor allem sind es Feiertage und die Gewohnheiten, die wir mit ihnen verbinden, die unserem Jahr einen festen Rhythmus mit festen Punkten und Vorhersehbarkeit geben. Ob uns dabei Familienkonventionen oder nationales Brauchtum wichtiger sind, ist individuell verschieden. Heute setzt das Lebensart-Magazin eine Artikel-Serie fort, in der Weihnachtstraditionen aus aller Welt vorgestellt werden.



Griechenland: Boote und Schiffe


Gehört der Weihnachtsbaum in Griechenland seit etwa den 1950er Jahren wie in Westeuropa mittlerweile durchaus zum weihnachtlichen Dekorationsrepertoire, so ist er nicht überall die erste Wahl. Das Meer, das mit seinem strahlenden Blau zu einem Symbol des Landes geworden ist, ist auch im Zentrum der Weihnachtsbräuche präsent. Zu den Feiertagen werden Fähren zu Restaurants umfunktioniert, auf denen die ganze Familie feiern kann. Diese Verbundenheit mit der See, die heute noch vielen Griechen – von Fischerei über Transportleistungen bis zum Tourismus – ein Einkommen sichert, wird in der Weihnachtszeit vor allem in den Küstenregionen besonders unterstrichen. Auf den Fensterbänken, in öffentlichen Parks und auf Plätzen werden mit Lichterketten geschmückte Boote und Segelschiffchen aufgestellt, die an verstorbene Seeleute erinnern sollen. Diese Symbolik schafft die perfekte Verbindung zum christlich-orthodoxen Aspekt des Weihnachtsfestes: Die Kirche als Schiff feiert auch die Ankunft der drei Weisen aus dem Morgenland, die in der griechischen Erzählung auf Schiffen kamen, um Jesus zu huldigen. Zudem soll der Heilige Vasilius auf seinem Schiff Geschenke für Klein und Groß gebracht haben und ist somit die griechische Variante des Heiligen Nikolaus.



Mexiko: Posadas und Piñatas


Weihnachten ist in Mexiko eine in jeder Hinsicht ausgiebige Angelegenheit. Von Mitte Dezember an wird die Weihnachtsgeschichte in Kirchen, kleinsten Theatern und im öffentlichen Raum täglich aufgeführt, und Straßenfeste mit lauter Musik und farbenfrohen Dekorationen verwandeln alle Orte in eine riesige Kirmes. Die Posadas, die sich aus dem Wort „Herberge“ ableiten, stellen die Suche Maria und Josephs nach einer Unterkunft dar: Zwei verkleidete Personen klopfen an Türen und erbitten Einlass. Wenn dies geschieht, dann wird im Haus mit reichlich Speis und Trank eine echte Fiesta mexicana gefeiert. Das Zerschlagen von Piñatas, mit buntem Krepppapier beklebten Pappmaché-Figuren, aus denen es für die Kinder Süßigkeiten regnet, bildet für die Kleinsten den Abschluss einer solchen Feier.


Pinatas Weihnachten



Deutschland: Würstchen mit Kartoffelsalat


Vom Ausland aus betrachtet ist das traditionelle Essen, auf das sich Heiligabend Deutschland freut, zuweilen überraschend bis unerklärlich. Tatsächlich werden drei Ursachen hinter dieser Tradition vermutet, die möglicherweise alle gleichermaßen eine Rolle für diese nicht ganz verständliche Wahl gespielt haben mögen. Einige Quellen erzählen, dass hier, wie in Portugal auch, der Wunsch Pate stand, dass sich alle ungeachtet ihrer sozialen Stellung das Weihnachtsessen leisten können sollten. Zudem – so die zweite Hypothese – handelt es sich um eine gleichzeitig frugale und kalorienreiche Mahlzeit, die das Ende der im Mittelalter üblichen zweiten Fastenzeit im November besiegeln sollte. Ein weiterer Ansatz begründet diese Tradition durch den Brauch, die Christmette zu besuchen: Das schnell und im Voraus zubereitete Essen ermöglichte es der Hausfrau, stress- und sorgenfrei den Gottesdienst zu genießen, und die Familie war durch die fettreichen Speisen gegen die Dezemberkälte auf dem Weg zur Kirche ausreichend gewappnet. Auch wenn die Gründe für diese Tradition also nicht ethnologisch ausschöpfend geklärt sind: Heute noch bleibt die große Mehrheit der Deutschen diesem einzigartigen Mahl treu.




Portugal: Feuer


In Portugal steht Weihnachten in erster Linie im Zeichen der Gemeinschaft, der Nächstenliebe, der Großzügigkeit und des Zusammenhalts. Dieses Gemeinschaftsgefühl ist auch der Ursprung der sogenannten Weihnachtsfeuer. Während Familien an Weihnachten sich traditionell um den Kamin versammelten und gemeinsam ein Holzfeuer anzündeten, sollten diejenigen nicht zurückstehen, die an diesem Tag alleine waren. Auch sie sollten das Zusammenkommen und den Anblick eines gemeinsam gestalteten Feuers erleben. So wurden in vielen Gemeinden auf einem zentralen Platz, meistens vor der größten Kirche der Ortschaft, Zweige und Scheite turmhoch gestapelt, nach der Mitternachtsmesse gemeinsam angezündet und brannten die ganze Nacht. Diese Tradition wurde immer intensiver gepflegt, nachdem viele Wohnungen keinen Kamin mehr hatten. Heute wird dieser Brauch, ohne den es für viele Portugiesen kein „richtiges Weihnachtsfest“ gibt, jedoch aus ökologischen Gründen hinterfragt.


Weihnachtsfeuer



Frankreich: Champagner


Weihnachten ist ein Fest der Freude und zur Freude, wie könnte es anders sein, gehört das französische Nationalgetränk dazu. Es fließt an diesen Tagen reichlich – ob als Apéritif, seit einigen Jahrzehnten mitunter als Hauptwein zu den Mahlzeiten, zur traditionellen „bûche“ natürlich, oder am Nachmittag. Die goldene Farbe verstärkt den Eindruck einer lichterfüllten Zeit. Wird in Deutschland etwa über die konsumorientierte Seite des Weihnachtsfestes kritisch nachgedacht, ist in Frankreich genau das Gegenteil der Fall: „Konsum“ wird hier zu dieser Zeit des Jahres bewusst ausgelebt, und mancher spart ein ganzes Jahr auf die unentbehrliche Flasche Champagner, ohne die der richtige, der Bedeutung des Anlasses entsprechende Überschwang nicht angemessen aufkommen würde. Selbst schwierige finanzielle Verhältnisse sind kaum ein Hindernis: Für die Ärmsten verteilen Bürgermeistereien, karitative Organisationen und private Freiwillige an Weihnachten Hilfspakete, in denen eine zumindest kleine Flasche des perlenden Getränks niemals fehlt; Nachbarn und Freunde wissen auch, wem sie mit einer unter irgendeinem Vorwand einige Wochen vor den Festtagen geschenkten Flasche dezent und wirksam diese Sorge nehmen können. Champagner ist auch im Berufsleben das Geschenk zum Jahresende.


Großbritannien: Knallbonbons


Ob selbstgebastelt oder gekauft, in Baumschmuckgröße zwischen 7 und 15 cm, als Gastgeschenk und Tischschmuck, der zwischen 25 und 42 cm erreichen kann – Weihnachten ohne Christmas Cracker wäre kein britisches Weihnachtsfest. Die als Bonbon geformten Röhren, die mittels einer im Inneren versteckt eingearbeiteten Zündschnur beim Auseinanderziehen des Päckchens zum Knallen gebracht werden, wurden zwar erst Mitte des 19. Jahrhunderts erfunden, doch dass sie so „jung“ sind, ist längst vergessen. Ihr Inhalt kann sehr unterschiedlich sein: Konfetti und Luftschlangen, winzige Geschenke, aber auch kurze Botschaften und Wahrsagungen, wie sie in chinesischen Glückskeksen vorkommen, oder kleine Aufgaben und Rätsel amüsieren Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Der Knall soll außerdem Glück bringen und böse Geister vertreiben, aber diese Geschichte wurde wohl eher erfunden, um der Tradition einen älteren Anstrich und mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen.


Christmas Cracker - Merry Christmas



Lettland: das Stärken der Sonne


An Orten, an denen der Winter sich von seiner unerbittlichen und menschenfeindlichen Seite zeigt, haben sich vermehrt Bräuche entwickelt, die die Wiederkehr des Lichts und der lebensrettenden Wärme beschwören sollen. Wurden sie in vorchristlicher Zeit begründet, so sind sie längst zu einem festen Bestandteil der Weihnachtstraditionen geworden. Im schnee- und eisreichen Lettland wird an Heiligabend in jedem Viertel oder jedem Dorf ein Eichenbalken von Haus und zu Haus getragen. Die Bewohner warten bereits vor der Tür und gesellen sich zum so nach und nach entstehenden Zug, der sich je nach Ortschaft bis zum letzten Hof, dem Dorfplatz oder in der Stadt bis zu einem anderen zentralen Platz des jeweiligen Viertels bewegt. Dort wird der Holzbalken angezündet, was die bösen Geister des ablaufenden Jahres und des Winters vertreiben soll. Zudem – und dies ist die wichtigste Funktion dieses Feuers – soll die Flamme, die sich hoch gen Himmel streckt, der Sonne auf diese Weise neue Kraft schenken, auf dass sie nach der bevorstehenden Sonnenwende wieder Frühling, Leben, Nahrung und Fruchtbarkeit zurückbringe.

Polen: der leere Teller


Polen gehört zu den Ländern mit den vielfältigsten, zahlreichsten und sicher faszinierendsten Weihnachtsbräuchen überhaupt, die oft bis in die tiefste historische Vergangenheit zurückreichen. Eine Tradition aber ist besonders anrührend und verbindet auf zauberhafte Weise die weihnachtliche Botschaft des Teilens und der Gastfreundschaft mit der verwurzelten ursprünglichsten Kultur Ostmitteleuropas. Selbstverständlich wird in Polen wie in vielen anderen Regionen der Welt Weihnachten ein üppiges und festliches Mahl serviert. Ein Gedeck wird aber zusätzlich aufgestellt und bleibt leer: Ganz im Sinne der christlichen Nächstenliebe und der Weihnachtsgeschichte ist es dem Fremden in Not vorbehalten, der wie Maria und Joseph an die Tür klopfen und um Asyl, Wärme und Nahrung ersuchen könnte. Gleichzeitig symbolisiert der freibleibende Platz die Seelen der Verstorbenen und der Ahnen, die so weiterhin für die Familie präsent bleiben und wissen, dass sie nicht vergessen sind.

Kapelle mit Weihnachtsbaum im Schnee

Foto: Andreas Kretschmer via @unsplash.com



Auf die Weihnachtsbräuche zu blicken, die sich im Laufe der Jahrhunderte rund um die Welt entwickelt haben, könnte eine lebenslange Aufgabe sein, aber es ist auch eine belohnende und lehrreiche Aufgabe: Tatsächlich lernen wir so, andere Kulturen besser zu begreifen, ihren Geist zu erfassen und vor allem ihre Einzigartigkeit zu erkennen. Diese Traditionen zu betrachten zeigt uns nicht zuletzt, dass aller Globalisierung zum Trotz jede Kultur sich eine Individualität zu bewahren weiß, die es zu verstehen und zu vermitteln gilt, die spannend und nicht austauschbar ist, und die viel über Land und Leute verrät. Genau wie jede Sprache eine eigene, einzigartige Seele hat, die es zu übersetzen gilt.


Alle anderen Fotos: @wix.com

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