top of page

Zero Waste als tradierter Lifestyle

Aktualisiert: 30. Sept.

Japans Beispiel für unsere Zeit



Kogomi - Fiddlehead-Farne in Japan
Kogomi

Optimale Ressourcennutzung, Recycling und Abfallreduzierung sind nicht nur eine wirtschaftliche Herausforderung und ein ökologisches Muss. Mittlerweile interessieren sich immer mehr und dies generationenübergreifend für das Konzept des Zero Waste, aus dem neue Lifestyles und Geschäftsmodelle entstehen. Doch was die westliche Konsumgesellschaft als neu und heilsbringend feiert, ist in Japan fest in den Lebensweisen verankert – wenn auch nicht ganz ohne überraschende Widersprüche.



Japans reflektierte Nutzung der Natur

Klimatische Bedingungen, geologische Unwägbarkeiten, eine über Jahrhunderte protektionistische Politik, eine mehrheitlich landwirtschaftliche Struktur und der übermächtige Druck einer zuweilen lähmenden Traditionstreue haben dazu geführt, dass das Land, das wir heute als Vorreiter des Fortschritts betrachten, über Jahrhunderte hinweg mit erdrückender Armut zu kämpfen hatte. Zu diesem negativen Faktor gesellte sich aber ein deutlich positiverer Aspekt: Die spirituelle Welt der Japaner lehrt sie, Dankbarkeit, Liebe und Respekt für die Natur und ihre Gaben zu empfinden, nichts als gegeben oder selbstverständlich zu erachten. Aus diesen beiden Facetten ergibt sich eine Mischung aus Bescheidenheit, ja Genügsamkeit und heute noch ausgeprägtem Vorsorgedenken. Es geht darum, der Natur nicht mehr zu entnehmen, als zum (Über-)Leben wirklich nötig ist – zum einen, um aus Zuneigung ihren Fortbestand und den Erhalt ihrer Schönheit zu sichern, zum anderen, um die eigenen Versorgungsquellen nicht zu gefährden. Diese Denkart ist in der Gesellschaft nach wie vor lebendig.


Nachhaltigkeit hat im ländlichen Japan Tradition

Den Jahreszeiten nach zu leben, regional und saisonal zu essen, ist in Japan seit jeher eine Selbstverständlichkeit, die sich nicht nur in der Folklore der Sakura auslebt. Die Natur wird als Schatzkammer bewundert und geschätzt, und alles, was sie schenkt, kommt als Quelle von Gesundheit und Ernährung in Frage.




Farn in einer Mauerritze



Es gibt kein Unkraut!


Pflanzen, die aus westlichen Gärten, Zierteichen, Straßenrandstreifen und Grünflächen als Unkraut getilgt werden, erfreuen sich in Japan großer Beliebtheit: Im Frühjahr wird – nicht nur in den Bergen – Sansai (山菜), das wilde „Berggemüse“ geerntet. Warabi und Kogomi, Yomogi (eine Art Beifuß), das Fuchsschwanzgewächs Koshiba, der unveredelte wilde Lauch Nobiru, Zenmai, Seri (ein wilder Wasserfenchel) und viele weitere Wildpflanzen oder Jungblätter wie Koshiabura oder Nogeshi, aber auch Zaun- und Ackerwinde, Löwenzahn und Knöterich gehören nicht in die Gartenabfalltonne oder auf den Komposthaufen, sondern zum Speiseplan.





Insgesamt sind in der altjapanischen botanischen Literatur über 300 „Unkraut-Arten“ verzeichnet, die als genießbar gelten, auch wenn zuweilen ein erheblicher Zubereitungsaufwand und präzise Kenntnisse nötig sind, um ihre Giftstoffe zu neutralisieren.


Dienten sie in früheren Zeiten dazu, nach dem langen und in den meisten Regionen sehr harschen Winter, jedoch bevor das Wetter wieder Aussaat und Anbau ermöglicht, endlich wieder frisches Gemüse zu sich zu nehmen, werden sie heute als Teil der „Nichts wegwerfen, alles nutzen“-Kultur betrachtet.


Bis zum letzten Rest kochen

In der heimischen Küche ist die Verwendung aller Teile von Gemüse, Obst und Tieren eine gängige Praxis. Das Grün von Wurzelgemüse etwa wird systematisch als Beilage in Eintöpfen, getrocknet als Gewürz oder auch als Arzneimittel verwendet. Die Liste der Beispiele wäre endlos. Von den Wurzeln bis zu den Geißtrieben wird alles verzehrt, Fische mit Gräten, Kopf, Flossen und Schwanz gegessen. Nicht zuletzt die Ainu kennen viele Techniken, die es ermöglichen, auch alle Innereien der Fische essbar zu machen, und ihre Rezepte finden inzwischen in ganz Japan großen Anklang.




Kimchi in mehreren Schalen
Kimchi

Eine lange Konservierungstradition

Die angesichts der schwierigen klimatischen Umstände, der Umweltkatastrophen und der langjährigen Konflikte in ihrer Geschichte aufs Überleben bedachte Bevölkerung entwickelte allerorts Methoden, um sowohl die – seltenen, aber wichtigen – landwirtschaftlichen Überschüsse als auch die Gaben der Natur haltbar zu machen und so Winter, Erdbeben, Überschwemmungen und Kriege zu überstehen.


Das Einlegen und Fermentieren von Lebensmitteln in einer Mischung aus Reiskleie, die selbst ein Abfallprodukt sein könnte, jedoch als Zutat und Hilfsmittel unzählige Verwendungsmöglichkeiten findet, Misopaste und Salz wird heute noch tagtäglich praktiziert – auch von der urbanen Bevölkerung.


Kunsthandwerkstraditionen als Förderung des Zero Waste-Lifestyles


Abfälle als Grundlage des traditionellen Kunsthandwerks

Was trotz des erstaunlichen kulinarischen Einfallsreichtums der Japaner aus der Zubereitung der täglichen Mahlzeiten dennoch übrigbleibt, wurde nie wirklich entsorgt. Auf Maisbart und anderen trockenen Pflanzenteilen beruht die lange Tradition  japanischer Korbflechtereien; Pflanzenstängel, Zwiebelhaut, nicht essbare Blüten und Beeren haben dazu beigetragen, das prestigereiche Handwerk der Färber zu begründen.


Heute werden mehr denn je von Kunsthandwerkern der jüngeren Generationen Abfälle als Material betrachtet: Austern- und Muschelschalen, Holzspäne und Holzmehl werden in die neuen Herstellungstechniken integriert.


Kintsugi – Reparaturen als ästhetische Aufwertung

Ein ähnliches Weltbild ist in der tradierten Praxis der Reparatur von Gegenständen, insbesondere aus Porzellan und Keramik, namens Kintsugi zu sehen. Auch hier wird nichts entsorgt, sondern es werden neue Wege für ein zweites Leben eröffnet.






Japan erfindet Zero Waste neu


Die Philosophie und das gemeinsame Kulturerbe um das Thema Zero Waste, die optimale Nutzung von Ressourcen, das Vermeiden von Verschwendung und eine fast perfekte Recycling- oder Upcycling-Quote findet heute in den urbanen, um Umwelt und Zukunft besorgten jungen Generation eine neue Interpretation, die durch ihre Dynamik, ihre Vielfalt und ihre optimistische Entschlossenheit beindruckt. Eine Reihe von erfolgreichen Start-ups und Kleinunternehmern, schafft in diesem Zusammenhang Erstaunliches – zwischen Ernst und Verspieltheit.


Wie aus Bosai Zero Waste wird

Während und nach Naturkatastrophen entstehen Berge von Abfällen – durch zerstörte Infrastrukturen, aber auch durch biologische menschliche Produkte. Inzwischen sind mehrere junge Firmen darin schon recht erfolgreich, Urin in wenig aufwändigen und klein gehaltenen Kreisläufen wieder zu nutzbarem, ja sogar zu Trinkwasser zu verarbeiten. Beispiele davon wurden auf der Expo 2025 gezeigt. Doch ist es nicht alles, was sich aus Urin gewinnen ließe. Junge Forscher möchten sich unter anderem die in den Toilettenabwässern enthaltenen Mineralstoffe zunutze machen, um Implantate herzustellen.


Kunst aus Abfall? Aber anders!

Schon im Amerika der 1960er- und 1970er-Jahre wurden aus Metallabfällen, alten Möbeln oder Autoteilen Designobjekte zusammengebaut, deren ästhetischer Wert allerdings umstritten blieb und außerhalb der Popkultur kaum Erfolg hatte.


In Japan, wo Schönheit eine spirituelle Pflicht darstellt, werden sogar Fäkalien und ihre Entsorgung oder Rost zu Kunstwerken – allerdings auf ganz anderem Niveau.




Holzlöffel mit Kaffepulver und 3 Kaffeebohnen grün
Kaffeesatz? Tausend Möglichkeiten!

In Japan ist Kaffeesatz nichts (mehr) für die Mülltonne. Er wird immer häufiger weiter verwendet – und dies in den unterschiedlichsten Formen: als Dünger für landwirtschaftliche Betriebe, wobei sich selbst große Marken daran beteiligen, als Viehfutter, als Energieressource für Heizung, als Grundlage für biologisch abbaubare Verpackungen, Hautpflegeprodukte … und sogar Schokolade.





Praktisch und nützlich – urbanes Zero Waste

Second Hand der anderen Art

Aus alten Kimonos oder verschlissenen Stoffen werden neue Kleidung, Schuhe, Haute-Couture, Decken, neue Kimonos oder Handtaschen kreiert, aber auch Putzwerkzeug hergestellt.Boro, das alte japanische Handwerk, das darin besteht, noch verwendbare Stoffteile patchworkartig und anhand festgelegter Zierstiche zusammenzunähen, ist von Generation Z wiederentdeckt worden und Gegenstand vieler Workshops und Kurse.Wird im Westen hier von Upcycling gesprochen, so steht in der japanischen Vorstellung hinter diesen Ansätzen ein anderer Gedanke: Nachhaltigkeit ist nicht zuletzt ein moderner Weg, den Dingen Respekt zu erweisen und ihnen ein neues Leben zu schenken.


Kompostieren für Großstädter

Japanische Wohnungen sind in den Metropolen oft beengt und Möglichkeiten für eigenen Kompost bestehen nicht. Diesen Umstand machte sich die junge Taira mit ihrem Unternehmen LFC zunutze und erfand die Komposttasche. Die ansehnlichen Filzbeutel sind geruchsdicht, leicht unterzubringen und ästhetisch ansprechend zugleich. Die Nutzer können sie kaufen oder mieten, bekommen zum Start eine ausführliche Einweisung und können bei Problemen stets um Rat fragen. Ihren Kompost können sie entweder selbst für ihre Zierpflanzen verwenden oder zu regelmäßigen Terminen beim Start-up abgeben oder an Schrebergärtner verschenken.


Papier aus Obst und Gemüse

Kein Land ist ohne Widersprüche, und Japan bildet hier keine Ausnahme. Während einerseits sogar Unkraut und alle Teile von Pflanzen und Tieren auf dem Speiseplan stehen, trägt die japanische Liebe zu makelloser Ästhetik mitunter seltsame Blüten: Im Einzelhandel werden Obst und Gemüse, die in Form, Größe, Oberflächengleichmäßigkeit und Farbe nicht als perfekt gelten können – obwohl sie im Westen problemlos als Güteklasse A verkauft würden –, erbarmungslos entsorgt, bzw. die Landwirte leiten sie gar nicht erst bis zu den Großhändlern weiter und vernichten sie noch in ihrem Betrieb. Die so entstehende Lebensmittelverschwendung ist enorm und stellt für die Produzenten einen ungeheuren psychischen und wirtschaftlichen Druck dar.


Handwerkliche Washi-Werkstätten haben hier eine Marktlücke entdeckt und bieten nunmehr Papier und Schreibwaren aus solchen vermeintlich unverkäuflichen Erzeugnissen an. Aus Watashi, wörtlich Lebensmittel-Papieren, entstehen Notizbücher, Geschenkpapier, Verpackungen, Briefpapier und vieles mehr.




Moos und im Hintergrund eine sprießende Pflanze, ein Farn
... der Weg zu nachhaltigem Lifestyle



Diese neuen Entwicklungen zeigen eindrücklich, wie Japan immer wieder die alte Tradition des Respekts vor natürlichen Ressourcen, die genügsame und demütige Einstellung des Zen-Buddhismus‘ und des Shintoismus‘ und die Begegnung mit neuen Herausforderungen und unabwendbaren Veränderungen  versöhnlich und harmonisch zu vereinen vermag. Zero Waste verkommt hier niemals zur überhöhten Pose oder zum selbstgerechten Ehrgeiz. Es erscheint viel mehr als ein natürlicher Lifestyle, der sich optimistisch neuzuerfinden und zu verwandeln weiß, und darf in diesen Zeiten als Vorbild und Anregung für den Rest der Welt gesehen werden.







  • Instagram
  • Schwarz Pinterest Icon
  • Schwarz Facebook Icon
  • Schwarz Twitter Icon

Impressum     Datenschutz     AGB

© 2024 Lebensart by eurolanguage Fachübersetzungen GmbH

Steinmüllergasse 74 Rh2 – 1160 Wien – Österreich

bottom of page