Wie die Welt übersetzt: Mittagspause






Es ist ein ganz normaler Arbeitstag. Der Vormittag war hektisch, der Nachmittag verspricht, anstrengend zu werden. Ob diese Worte von einem Handwerker, einem Büromitarbeiter, einem Manager, einer Verkäuferin, einem Arzt oder einer Lehrerin stammen: Wenn die Mittagszeit naht, muss eine Pause für neue Kräfte sorgen. So gilt es, sich zu unterbrechen und zu stärken. Ist das auch gesundheitlich notwendige Ritual kontinentübergreifend gegeben, so fällt es doch je nach Kultur und Klima recht unterschiedlich aus. Tatsächlich verrät die Art, wie die Mittagspause verbracht und erlebt wird, sehr viel über die Mentalität der örtlichen Bevölkerung, aber auch über das, was im jeweiligen Land als Lebensart und somit als wichtig betrachtet wird.



Australien – zwischen Paradies und hartem Leben





Für Urlauber ist Australien das Sinnbild eines einfachen und lockeren Lebens, und die warmherzige Willkommenskultur, die in Sidney und anderen touristischen Großstädten des Landes gelebt wird, trägt in Verbindung mit der allgegenwärtigen Sonne und dem abwechslungsreichen Kontrast zwischen den schroffen Erdtönen des Outback und der andernorts üppig blühenden, überwältigenden Vegetation noch dazu bei. Es entsteht der Eindruck eines Landes mit einer perfekten Work-Life-Balance. Hier muss ein wenig differenziert werden. Australier arbeiten in der Regel weit über 50 Stunden pro Woche, und dies oft besonders hart. Gleichzeitig wissen sie in der Tat das Leben zu genießen, und so integrieren sie Privates und Berufliches in alle Momente des Tages. Einen scharfen Gegensatz zwischen Arbeit und Freizeit empfinden sie nicht: Beides ist Teil des Lebens. Die Mittagspause etwa ist die Gelegenheit, Nahrungsaufnahme und Hobbys zu verbinden. Sie wird oft entweder in einer der vielen Bars verbracht, die neben Cocktails und hochprozentigen Spirituosen ebenso kleine Snacks, Sandwiches, Fish and Chips, oder auch Fertiggerichte aus dem benachbarten Convenience-Store anbieten. Wer an einer der vielen Küsten lebt, nutzt die Zeit zum Surfen, Schwimmen oder Sonnen. Gegessen wird dabei langsam und trotz des meist schlichten Imbisses genussvoll, Alkohol gehört wie selbstverständlich dazu. Diese Art, das Einfache zu zelebrieren und die kleinen Augenblicke und Enklaven zu schätzen zu wissen, gehört zu den typischsten Merkmalen Australiens und ist im Grunde ein zuverlässiges Rezept gegen Frust am Arbeitsplatz: Arbeit und Pausen, Zwänge und Ungezwungenheit werden als ganz normale und gleichwertige Bestandteile des Lebens betrachtet und gefeiert. Ein Break ist nicht ein Gegenpol zur Arbeitszeit, sondern eine weitere Stunde in der abwechslungsreichen Perlenkette der verschiedenen Momente des Tages, die wie alle anderen auch voll ausgekostet wird.



Spanien – ab in den Schatten




Nicht erst seit dem Klimawandel hat Spanien es verstanden, in dieser warmen Region die Arbeitskraft aufrechtzuerhalten und die Gesundheit zu schützen. Spanien blickt hier auf eine lange Tradition zurück. Die Mittagspause dient vor allem dazu, den Körper zu seinem Recht kommen zu lassen. Die Siesta beginnt je nach Region und Jahreszeit zwischen 12:00 und 14:00 Uhr und dauert etwa drei Stunden. Für gewöhnlich wird nur eine leichte Mahlzeit aus Obst oder Salat zu sich genommen, die Regeneration soll in erster Linie über Ruhe und Schlaf stattfinden. Der Ursprung dieser Praxis liegt in der landwirtschaftlichen Vergangenheit des Landes, in dessen Süden die Bauern zum einen in der prallen Mittagssonne nicht auf den Feldern stehen konnten und die notwendigen Arbeiten auf die verhältnismäßig kühleren Abendstunden verschoben, zum anderen wegen zu heißer Nächte keinen Schlaf finden konnten und so versuchten, ihn zumindest teilweise nachzuholen. Heute wird immer häufiger Kritik an der Siesta laut, die nur noch 40% der Spanier wirklich wünschen: Diese Zwangsunterbrechung des Lebens, während derer in Spanien tatsächlich nichts mehr geht, ist bei den unter 35-Jährigen insbesondere in den Großstädten eher unbeliebt, die von geraubter und verlorener Lebenszeit sprechen, die sie gern anders nutzen würden. Junge berufstätige Mütter beklagen zum Beispiel, dass sie durch diese Verschiebung der Arbeitszeit nach hinten bis nach 21 Uhr oder später erst dann nach Hause kommen, wenn ihr Kind längst schläft. Zudem seien mittlerweile fast alle Gebäude mit Klimaanlagen ausgestattet, was eine „Hitzepause“ widersinnig erscheinen lasse – diese Prämisse könnte sich in Zeiten der Energiekrise und umweltbedingter Strom-Einsparungen allerdings ändern und zu einer revidierten Einstellung zu diesem Thema führen. Arbeitgeber bemühen sich, eine Brücke zwischen Tradition und zeitgemäßen Ansprüchen zu bilden und die Mittagspause für ihre Mitarbeiter attraktiver zu gestalten – zumal nicht alle früh nach Hause und früh schlafen gehen möchten: Massage-Angebote mit Physiotherapeuten, die ins Büro kommen, um die computersteifen Nacken zu entlasten, Firmenpools oder Partnerschaften mit benachbarten Spas sollen einen Mittelweg bieten. Spanien ist hier ein wenig im Zwiespalt zwischen althergebrachter Weisheit und einer Lebensart, die das Nachtleben feiert, und neuen Lebensmodellen und Wünschen.




Frankreich – und wieder geht es ums Essen





Wird Frankreich für seine Küche bewundert und für die Begeisterung und den Stolz, die es daraus zieht, zuweilen auch gleichermaßen belächelt, so hält es generationenübergreifend von 12:00 bis 14:00 Uhr an der Pause de midi fest. Mit Ausnahme der typischen Ballungsräume um Paris, Lyon, Bordeaux oder Toulouse, die ein Pendeln aufgrund der relativ großen Entfernungen und der chronisch überfüllten Straßen und Bahnen unmöglich machen, wird sie mehrheitlich zu Hause am gemeinsamen Tisch verbracht. Auch wenn Fertiggerichte – ob als Tiefkühlkost aus dem Supermarkt oder frisch vom Feinkostladen um die Ecke zubereitet – in den Metropolen eine zunehmende Rolle spielen, ist die Zusammensetzung der mittäglichen Mahlzeit seit mehr als zwei Jahrhunderten kaum verändert: Etwas Rohkost als Vorspeise, Fleisch oder Fisch und Gemüse, Käse und ein Nachtisch müssen sein. Auch Unternehmenskantinen oder kleine Bistrots, die als Anlaufstelle für Handwerker und Arbeiter dienen, folgen diesem Speiseplan, der als Mindestmaß an Kultur und Lebensart gilt. Doch die Pause-déjeuner kann auch anders genutzt werden, und dies ist für die französische Lebensphilosophie ebenso typisch: das Geschäftsessen. Die Gratwanderung zwischen entspannter Atmosphäre außerhalb der Büroräume und ernsthaftem Gespräch ermöglicht es, das Gegenüber zu bewerten, und hat schon über manchen Vertragsabschluss entschieden.





Wer weder die Möglichkeit hat, zum Déjeuner nach Hause zu fahren, noch in einer Betriebskantine essen kann oder will, wird gemeinhin Stammgast in einer sogenannten Brasserie in der Nähe des Arbeitsplatzes. Die Etymologie trügt, denn mit einer vor Ort betriebenen Brauerei haben diese Lokale zwischen Bistrot und Restaurant in den meisten Fällen nichts zu tun. Die Küche ist hier etwas feiner als in einem schlichten Bistrot mit Tagesgericht, deutlich erschwinglicher als im Restaurant und ermöglicht vor allen Dingen eine Auswahl zwischen allgemein beliebten Gerichten einer großen und regelmäßig mit neuen und frischen Ideen aktualisierten Karte. Die moderne und ungezwungene Atmosphäre passt perfekt zu diesen Stunden des Tages und dem französischen Art de vivre.






Japan – zwischen Bento und „Chef“-Koch

Henkelmann, Butterbrot, Lunchbox, Sandwiches … sein Mittagessen mit zur Arbeit zu nehmen ist weltweit verbreitet und gerade in Deutschland eine beliebte Praxis. In Japan aber ist dies weder eine Notlösung, noch geschieht es aus Sparsamkeit oder aus Sorge um schlanke Linie und Gesundheit.



Die Bento-Box ist eine Kunst …, die mittlerweile um die Welt geht und immer mehr Anhänger und Nachahmer findet. Das mitgebrachte Mittagessen wird jeden Tag sehr aufwändig und frisch zubereitet und besteht aus einer abwechslungsreichen und vollwertigen Folge sorgfältig ausgesuchter Zutaten und Gerichte: in einem leichten Teig (Tempura) gebackenes Gemüse, Reis, Fleischbällchen, panierte Schnitzel, kaltes gerolltes Omelett, Onigiri, eingelegter, gedünsteter oder frittierter Fisch, Mochi oder Fischpasteten sind nur einige der unzähligen Möglichkeiten, Box und Magen zu füllen. Nicht selten stehen Japaner um 4 Uhr morgens auf, um ihr Bento zu kochen und zusammenzustellen. Wichtig ist dabei wie immer in Japan die optische Komponente, die verlangt, dass die vier Farben Gelb, Rot, Grün und Schwarz vertreten sind. Eine ansprechende Präsentation mit zusätzlichem dekorativem Topping aus Kräutern, Sesamkörnern oder einer der vielen Varianten der Gewürzmischung Furikake, eine ästhetische Verteilung in der Box, kreative Ideen runden das Ganze ab und sind hier auch ein Statussymbol. Am Arbeitsplatz werden die Bento-Fertigkeiten verglichen und kommentiert, und es entsteht speziell für Kinder und ihre Mütter ein nicht unerheblicher Gruppenzwang und Leistungsdruck, wird doch die Geschicklichkeit und Originalität der Essensdekoration als Maßstab für die Beurteilung der Person verwendet.



Dieser Stressfaktor führt übrigens dazu, dass einige Mitarbeiter – unter dem Vorwand, in ihrer Pause die Ruhe und Stille zu brauchen, um sich neu zu sortieren und Kraft für den Rest des Tages zu tanken –, es vorziehen, wenn es möglich ist, draußen allein, auf einer Parkbank oder in einer einsamen Ecke der Werkstatt zu essen. Die Praxis des Bento in Frage zu stellen, würde aber niemandem einfallen: Sie gehört zur japanischen Kultur, zum japanischen Selbstverständnis, zum japanischen Wertekodex und ist ein Stück japanischer Lebensart.

Parallel dazu ist in Unternehmen in den letzten zehn Jahren eine neue Tradition entstanden: Abteilungsleiter, Chefs oder auch Betriebsinhaber gewöhnen sich an, mindestens einmal die Woche für ihre Mitarbeiter eine vollständige und aufwändige Mahlzeit zu kochen. Dies stärkt die Teambildung und soll die Dankbarkeit und Anerkennung zum Ausdruck bringen, die die Firma ihrem Personal schuldet. Nicht immer ist das Angebot ein Erfolg, aber die jeweiligen Vorgesetzten arbeiten gern daran, ihre Kochfähigkeiten zu verbessern.


Diese kleine Reise von Australien nach Europa bis nach Asien spiegelt nur einige der unzähligen Traditionen wider, durch die unterschiedliche Länder ihre ganz eigenen Vorstellungen dessen, was universell als Mittagspause bezeichnet wird, in ihre jeweiligen Lifestyles übersetzen. Sie zeugen von dem, was in einer Kultur als wichtig, wertvoll und nicht verhandelbar ist. Die Mittagspause ist mehr als nur eine Gewohnheit und sie entspringt nicht nur dem Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme und Regeneration. Die Vielfalt, in der sie in den verschiedensten Ecken der Welt umgesetzt wird, ist Ausdruck dessen, was wir als kleinen Luxus im Alltag auch „Lebensart“ nennen.

In unserer Lebensart-Übersetzungsboutique geht es um die schönen und wertvollen Dinge des Lebens. Um das, was unsere französischen Nachbarn als Art de Vivre bezeichnen. Unser Ziel ist es, mit unseren Übersetzungen die Botschaft, die Klangfarbe, die Bilder und Assoziationen feinfühlig und stimmig, klar und authentisch in die Zielsprache zu übertragen.

Unser Lebensart-Magazin möchte Sie einladen, sich ein bisschen treiben zu lassen, auf einer Reise durch die Länder, die Kulturen und Sprachen. Genießen Sie die Auszeit, entdecken Sie Schönes und Unbekanntes, immer mit dem Blick über die Sprachgrenzen hinaus.