Food-Tourismus – neue internationale Trends
- Martina Schmid

- vor 4 Stunden
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Sich mit einem Restaurant-Führer bewaffnet ins Auto setzen und die besten Häuser einer fernen Region erkunden und vergleichen, einen Sternekoch und seine Gerichte entdecken, ikonische Lokale besuchen … Dies war für viele im 20. Jahrhundert der Gourmet-Traum schlechthin. Doch die Auffassung dessen, was kulinarischer Tourismus zu bieten haben sollte, hat sich seitdem stark verändert: Es wird anders gereist und anders genossen: bewusster, individueller, einfallsreicher.
Traditionelle Angebote des Food-Tourismus: ein Zielgruppenproblem
Verschwunden sind die altbekannten Angebote nicht, aber die Zielgruppe, die sie annimmt, wird zunehmend kleiner.
Die demographische Entwicklung ist hier ein Faktor: Die Nachkriegsgeneration, die ihre Hotels und Restaurants selbst recherchierte, anschrieb und ihre Route einzeln zusammenstellte, ist im Bereich Tourismus-Marketing quantitativ nicht mehr wirklich relevant. Die sogenannten „Boomer“ wiederum hatten schnell die Pauschalangebote für sich entdeckt, bei denen Gastronomie nur eine untergeordnete Rolle spielte. Für die Generationen X und Y, geschweige denn jüngere, ist diese Art des Reisens aus vielen Gründen indiskutabel: zu verstaubt, zu langweilig, zu bieder, zu passiv. Sie entspricht nicht mehr dem, was die heutige Erlebniskultur braucht.
Zudem hat sich auch die Urlaubspraxis verändert: Kurze Pausen oder sogar Workation kommen wesentlich häufiger vor als die drei oder vier Wochen völliger Unerreichbarkeit, die in früheren Jahrzehnten üblich waren.
Letztlich spielen auch finanzielle Aspekte eine Rolle. Der Tourismus und insbesondere der Gastronomie-Tourismus soll demokratischer werden: Es möchten alle daran Teil und Freude haben können – auch mit kleinerem Budget. Wie bei Kreuzfahrten auch soll dieser Traum für eine breitere soziale Schicht erreichbar sein.
Die Branche hat auf diese Entwicklung reagiert und es entstehen permanent, ob in Zusammenarbeit zwischen Dienstleistern und Städten bzw. Regionen oder durch einfallsreiche Start-ups, neue und faszinierende Ideen.
Klasse statt Masse: Fine Dining-Tourismus als Luxus-Angebot
Gourmetführer-Hopping hat zwar ausgedient, aber eine neue Art von edlem Genuss-Tourismus ist an seine Stelle getreten. Wer es sich leisten kann, reist gezielt zu einem bestimmten Restaurant auch über Kontinentgrenzen hinweg, um die Kunst eines aufstrebenden Chefs zu entdecken, oder bucht kurzerhand für einen Abend zu zweit das gesamte Lokal, lässt sich persönlich verwöhnen und darf nicht zuletzt das Privileg auskosten, im persönlichen Gespräch in die Philosophie des Hauses und die Bedeutung und Zusammenstellung der einzelnen Gerichte eingeweiht zu werden.
Von Japan über den Nahen und Mittleren Osten in die USA

Japan als Vorreiter der Luxus-Gastronomie
Diese Form des kulinarischen Tourismus' entstand ursprünglich aus der traditionellen japanischen Kultur: Dort gilt es als selbstverständlich, dass Luxus-Restaurants nur eine sehr kleine Anzahl an Gästen bedienen – sie haben oft nur einen bis maximal drei Tische, die ausschließlich auf Empfehlung von besonderen Stammgästen und nur Monate, ja Jahre im Voraus gebucht werden können – und die individuelle Vermittlung olfaktorischer, geschmacklicher und visueller Harmonie durch den Chefkoch am Tisch wird nicht nur als unerlässlicher Bestandteil des Services, sondern auch des Kochens, und, für den Gast, zu einem unentbehrlichen Teil des Genusserlebnisses, ohne den das Gericht nicht vollständig verstanden und wertgeschätzt werden könnte.
Die legendäre Gastfreundschaft der arabischen Halbinsel
Ist diese Denkart eine aus westlicher Sicht vielleicht überspitzte Form der Gastfreundschaft im oberen Segment, so ist die Individualität und Exklusivität, die sie impliziert, auch in anderen Teilen der Welt Ausdruck einer langen Tradition. Auf der arabischen Halbinsel, wo wie in ganz Vorderasien der Gast sei jeher König ist, wurde das Konzept für eine andere Zielgruppe wirkungsvoll in Szene gesetzt – etwa in Dubai oder Abu Dhabi, wo der alte und neue Jetset Fusionsküche auf höchstem Niveau entdecken kann. Auch hier wird der Kellner zum Vermittler einer Kochkultur und -philosophie.

Gastronomie als Statussymbol
In den USA ist die Möglichkeit, ein ganzes Restaurant am anderen Ende der Staaten für sich allein oder besondere Geschäftspartner im kleinen Kreis zu buchen oder einen Spitzenkoch mit besonderem Renommee aus Europa oder Asien zu sich nach Hause einfliegen zu lassen, ebenfalls angekommen. Hier geht es allerdings nicht zuletzt darum, zu zeigen, was man hat, und sich als kulturell und kulinarisch gebildeter Mensch zu positionieren. Wenn jeder mit einem höheren Einkommen einen Jet und mehrere Jachten sein eigen nennt, sind Esskultur und ein feiner Gaumen das unterscheidende Zünglein an der Waage – Genusstourismus als Image.
Genussrouten – neue Trends, neues Image
Themenrouten für die etwas längere Reise
Nachdem Restaurant-Hopping an Glanz verloren und der Reiz von Pauschalreisen einige Jahrzehnte lang das Interesse an kulinarischen Reisen in Frage gestellt hatte, ist es den Tourismusakteuren inzwischen gelungen, stabile Konzepte zu entwickeln, die schnell variiert werden können und zudem wirtschaftlich für viele Beteiligte attraktiv sind.
Was mit Weinrouten begann, findet nun in den unterschiedlichsten Ecken der Welt eigene, immer originellere Übersetzungen: Bier-, Käse-, Schokoladen-, Pizzarouten oder sogar Olivenölrouten entstehen in enger Kooperation zwischen Produzenten und Tourismusunternehmen, helfen, die lokale Wirtschaft zu beleben und Regionen touristisch zu erschließen, und bringen beiden einen Mehrwert.
Für die Touristen bieten solche Programme ebenfalls mehrere Vorteile: einen zeitlich überschaubaren Rahmen; die Bequemlichkeit eines organisierten und geführten Reisens; die Möglichkeit, Produkte als Souvenir oder für den „Après-Urlaub“ zu Hause zu erwerben; die Chance, Spezialitäten kleinerer Betriebe zu entdecken, zu denen sie andernfalls keinen Zugang hätten; die Gelegenheit, Herstellungsprozesse und Qualität hautnah zu beurteilen.
Und dank des Erfindungsreichtums von Regionen und Touristik werden die Themen nicht so schnell auszugehen.
Food-Trails für den Kurztrip
Wer nur einen Tag, zwei Tage oder eine knappe Woche zur Verfügung hat, muss nicht auf kulinarische Entdeckungen verzichten.
Für Wochenend- und Städtetrip-Touristen bieten sich zahlreiche Konzepte an – auch ohne Flüge oder lange Fahrten und fernab (allzu) berühmter und überlaufener Ziele. Kulinarische Stadtführungen sind der große neue Trend, der weltweit immer mehr Nachahmer findet. Hier können Interessierte auch mit überschaubarem Budget schlemmen und entdecken – nicht zuletzt die eigene Stadt und ihren unmittelbaren Umkreis. Die Idee verabschiedet sich von der Vorstellung, dass „Spezialitäten“ und eine kulinarische Infrastruktur im Spitzensegment nötig sind, um für Gastronomie-Interessierte relevant zu sein. Vielmehr wird die Stadt durch die Augen ihres kulinarischen Angebots betrachtet: Streetfood, traditionelle und alteingesessene Lokale, Geheimtipps, Nacht- und Wochenmärkte gehören zu diesen Rundgängen, die die Erkundung eines Ortes um eine alltägliche, authentische Dimension erweitern, die ein Sight-Seeing nicht bieten kann.
Für alle, die es aktiv und sportlich mögen, gibt es die Möglichkeit, Extremsport oder Spiele mit kulinarischen Abenteuern zu verbinden. Naturlauf-, Parcours-, Schnitzeljagd- oder Geocatching-Events werden mit Genussstationen verbunden, die als kleine Entdeckungs- und Belohnungspunkte über die Route verteilt sind.

Jährliche Food-Events als Reiseziel
Ebenfalls für den Kurzurlaub oder das Wochenende zwischendurch eignen sich Angebote, die regionale jährliche Ereignisse in den Mittelpunkt stellen.Die Palette der Möglichkeiten ist bereits jetzt schon sehr breit und wird stetig um neue Ideen erweitert. Foods-Festivals, Straßenfeste, Trüffelmessen, Jahresmärkte, Ernte-Feste, Food-Trucks-Treffen oder Esskulturveranstaltungen sind in aller Welt zu finden und sind nicht zuletzt die Gelegenheit, regelmäßig Gleichgesinnte zu begegnen oder wiederzusehen und neue Kontakte zu knüpfen. Da sie zeitlich begrenzt sind, lassen sie sich für Reisende gut in den Kalender einplanen und sind deshalb besonders attraktiv. Für einige kleinere Orte wiederum sind sie sogar die einzige Chance für eine gelungene touristische Erschließung.
Kulinarischer Erlebnis-Tourismus
Bewusster genießen, bewusster reisen
Gesund essen, den Körper pflegen
Insbesondere jüngere Generationen von Reisenden haben den Wunsch, kulinarische Entdeckungen mit ihrer individuellen Ernährungsstrategie zu verbinden. Sich gesund und bewusst zu ernähren soll nicht als Verzicht wahrgenommen, sondern als kulturelle Entscheidung gefeiert werden. Vegane Reisen, glutenfreie Dinner, Keto-Restaurants, Superfood-Imbiss-Trucks bieten einen Weg, Neues zu entdecken, ohne die eigene Lebensweise verleugnen zu müssen. Auch die Kombination aus Genuss und Wellness, etwa in Detox-Retreats oder Ayurveda-Hotels, erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Für einige Reisende ist diese Form des Food-Tourismus' auch ein Weg, alternative Ernährungsmodelle überhaupt auszuprobieren.

Auf der Suche nach Authentizität: „Eat like a local“
Die Suche nach der Kultur eines Landes geht immer weniger über die Erkundung seiner bekannteren Errungenschaften. Viel mehr besteht eine große touristische Nachfrage nach dem echten Leben – und dies gilt auch für Kochkunst und Genuss. Mit Konzepten wie „Eat like a local“ oder Albergo diffuso tragen Reiseveranstalter und Regionen einem Trend Rechnung, der von Singles bis zu jungen Familien immer beliebter wird. Das Eintauchen in die lokale und alltägliche Küche ist die Antwort auf einen wachsenden Wunsch nach Authentizität und nach einer Demokratisierung von Gourmet-Reisen: Was gut ist, muss nicht exklusiv, kompliziert und unerschwinglich sein. Organisierte Touren durch ländliche Regionen führen durch produzierende Kleinunternehmen. Während in früheren Zeiten eine kommerziell routinierte Verkostung als Abschluss eines Rundgangs verstanden wurde, wird hier am Bauern- oder Imkertisch Platz genommen und eine alltägliche regionale Mahlzeit geteilt. Saisonalität und der unverfälschte Geschmack unverarbeiteter Lebensmittel stehen im Vordergrund.
Genussreisen zum Mitmachen
Passiv genießen wirkt zunehmend fahler. Etwas mehr „Action“ darf sein, etwas Aufregung und Teilnahme.
„Farm-to-Table-Tourism“ – mithelfen und gut essen
Was der Önotourismus längst erfunden hat, entwickelt sich nun auch auf Bauernhöfen, in Olivenplantagen und Gemüse- und Obstgärten zum Trend: Zahlende Erntehelfer können vielerorts weltweit die Esskultur von Land und Region erkunden, mitkochen, dabei Rezepte und Kochtraditionen hautnah erleben und ein Mosaik an Genusswelten mit nach Hause nehmen. Auch hier spielt der Wunsch nach Authentizität, echten Werten und Naturnähe eine große Rolle.
Koch- und Konditoreikurse – bitte vor Ort
Besonders für Singles und Paare – und dies ist altersübergreifend der Fall – wird die Küche immer mehr zu einem Ort der kreativen Entspannung. Kochkurse in der Nähe zu belegen ist zwar schön, aber Original-Rezepte „im echten Land“ von einem „echten Einheimischen“ zu lernen hat schon eine wesentlich reichere und reizvollere Dimension. Sushi-Kurse in Japan, Pralinen-Unterricht in Belgien, Birkensaftschnaps-Workshops in Skandinavien bieten einen anderen Mehrwert und viele Veranstalter haben hier einen Bedarf erkannt. Das Angebot ist vielfältig und es kommen beinahe jeden Tag neue Ideen hinzu.
Moderne Food-Reisen können allerdings mehrere dieser Elemente kombinieren: eine Streetfood-Tour am ersten Tag, am nächsten Morgen einen Marktbesuch, am dritten Tag eine Farm-to-Table-Erfahrung bei lokalen Produzenten und zum Abschluss einen Besuch eines renommierten Restaurants oder eines Food-Festivals.
Neue Lifestyles, neuer Genuss
Mit dem Smartphone reisen und kosten
Dass Smartphone und Social Media unsere Art zu leben verändert haben, ist ein Gemeinplatz – und dies betrifft selbstverständlich auch den kulinarischen Tourismus.
Generation Z reist zu TikTok-Restaurants, die „instagrammable Food“, also photogen angerichtete Gerichte und ungewöhnliche Rezeptzusammenstellungen in einem ebenfalls Smartphone-Bild-tauglichen Ambiente servieren, das speziell zu diesem Zwecke eingerichtet und ausgeleuchtet ist. Diese individuelle Form des neuen Food-Tourismus' folgt den Spuren der digitalen Nomaden und den Hypes und Empfehlungen der Influencer. TikTok- und Instagram-Accounts bieten ihren Followern komplett zusammengestellte Reiserouten: zu den besten Cafés, Croissants, Streetfood-Städten, den originellsten Eisbechern und den seltsamsten Süßigkeiten der ganzen Welt.
Auch Markenreisen, etwa zu mehreren Standorten eines bestimmten Foodherstellers, gehören dazu.
Mit allen Sinnen genießen: Storytelling und neue Erlebnisformate
Irgendwann hat man alles gekostet, gekocht, gegessen, die Gerichte der Welt erschöpfend erkundet – so scheint es jedenfalls. Doch die Tourismusbranche lebt vom Neuen, Aufregenden, Unentdeckten. Nichts bietet sich mehr an, als köstlich zu speisen … in ungewohnten Locations und an den entlegensten Orten.

Zu einem Couscous am Feuer oder unter einem Berberzelt in der Sahara reisen, ein Sansai-Essen in den Bergen Japans genießen, ein neues Abenteuer im kostbar dekorierten Speisewagen eines Luxuszuges wie einst zu Zeit des Orient-Express erleben, eine einwöchige Teereise auf einem alten Klipper wageb, für einen Abend nach New York fliegen und in einem Museum die Auswirkung von Licht und Schall auf die Geschmacksknospen sinnlich erfahren … es gibt nichts, was es nicht gibt. Der Storytelling-Aspekt solcher Konzepte erschafft jene Exklusivität wieder, die andere Formate des heutigen Food-Tourismus' bewusst ausgrenzen.
Food-Tourismus erfährt in allen Segmenten eine unglaubliche Entwicklung. Ein großer Teil der Reisenden wählt seine Ziele inzwischen bewusst wegen der kulinarischen Angebote und Kulinarik macht einen relevanten Teil des Reisebudgets aus. Die von den Anbietern angebotenen Orte und Formate werden preiskategorienübergreifend immer vielfältiger. Sie können Selbstzweck oder Begleitthema sein – für die Branche sind sie so oder so gewissermaßen eine Erfolgsgarantie: Genussreisen stellen für Veranstalter, Touristen, Regionen und ihre Produzenten, den Arbeitsmarkt und für viele weitere Branchen eine Win-Win-Situation dar, die auch für die Zukunft in einer veränderten Welt von entscheidender wirtschaftlicher Bedeutung sein dürfte. Kulturell sind sie auf jeden Fall ein guter Weg zu mehr Bildung, Verständnis, Toleranz und Offenheit.


